Fakultät Musik
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Ästhetische Begegnungen IV thematisiert das Phänomen Intertextualität als ein dialogisches Prinzip zwischen musikalischer Struktur und psychischer Strukturierung und beleuchtet die Beziehungsspannung zwischen beiden Ebenen im musikalischen Hören, Agieren und ästhetischen Wahrnehmen. Kreative Prozesse, wie Komposition, aktives Musizieren oder Hören, entstehen im Zusammenspiel von musikalischer Struktur - durch klangliche Objekte in Haupt- und Nebenstrukturen erfahr- und definierbar - , und psychischer Struktur - in der Interaktion mit anderen in Primär- und Sekundärprozessen emotional und kognitiv erleb- und entwickelbar. Kreative Prozesse balancieren zwischen diesen Aspekten und erzeugen auf Basis individueller Wahrnehmungsmuster und subjektivierter Zuschreibungen eine Beziehungsspannung zwischen Psyche und Musik. Im Seminar wurden die Teilnehmenden dazu eingeladen, die Effekte dieser Beziehung zwischen musikalischer und psychischer Struktur im kreativen Gruppenprozess durch musiktheoretische Analyse und freie musikalische Hör- und Improvisationsprozesse zu erforschen und die Entstehung intertextueller Effekte in individuellen und Gruppendynamiken zu entfalten und zu reflektieren.
Ästhetische Begegnungen III thematisiert Ungehorsam und Freiheitsideen als Aspekte des zwischenmenschlichen Agierens, in theoretischen Konzepten und wie sie in musikalischen Prozessen als interaktionelle Phänomene hergestellt, hör- und spürbar gemacht werden können. Der Fokus lag im Seminar darauf, anhand freier musikalischer Improvisationsprozesse in der Gruppe individuelles Erleben und Verhalten auf Vorlieben, Abneigungen und Gesetzmäßigkeiten des Handelns, des Fühlens und der zwischenmenschlichen Beziehung zu untersuchen. Ebenso wurden Tendenzen und Momente von innerer Veränderung und Widerstand beleuchtet, auf den musikalischen Erfahrungsraum übertragen und auf Zustände von Offenheit und Ungewissheit untersucht. Ziel war, im musikalischen Agieren das Zusammenwirken von Kooperation und Konkurrenz interaktionell erlebbar zu machen, im Zusammenspiel von Vertrautem und Unbekanntem diverse Erscheinungsformen von Ungehorsam und Freiheitsideen abzutasten und in Reflexionsgesprächen miteinander zu diskutieren.
Ästhetische Begegnungen (II) thematisiert Veränderungsmomente in der Musik als ein vielfältiges Phänomen. Veränderungsmomente sind in einem geschichtlichen Kontinuum verankert. Bedeutungsvoll werden sie, weil ihnen etwas Individualisiertes, Persönliches anhaftet. In Klangprozessen können sie zeitlich sukzessiv bis chronologisch linear erscheinen oder verborgen, in Schichtenbildung Gleichzeitiges und Ungleichzeitiges in nicht-linearen zeitlichen Strukturen bündeln. Psychologisch gesehen sind Veränderungsmomente Ausdruck von notwendigen Entwicklungs- und Wachstumsaufgaben oder Reparaturprozessen und werden durch unterschiedliche emotionale Qualitäten spürbar. Im Seminar lag der Fokus lag darauf zu untersuchen, wie im Zusammenwirken von musikalischer Bewegungsdynamik und subjektivem Zeiterleben bedeutungsvoll aufgeladene Veränderungsmomente erzeugt werden können und darin widersprüchlichen Eigenschaften von Veränderungsmomenten Raum gegeben werden kann.
Ausgehend von der These, dass bestimmte satztechnische Ereignisse in Giuseppe Verdis Schaffen werkübergreifend mit kongruenten außermusikalisch-thematischen Aspekten konnotiert sind, werden in der Dissertation grundsätzlich fünf satztechnische Phänomene bzw. ihre Varianten mit Konnotationen im Gesamtschaffen von Verdi erläutert. Das im deutschsprachigen Raum als „Teufelsmühle“ bekannt gewordene harmonische Fortschreitungsmodell, die Quintparallelen sowie der Quint- bzw. Quint-Oktav-Klang im Bereich der Harmonik, die linear rotierende Motivbildung und ein in Sekundschritten pendelndes Dreiton-Motiv im Bereich der Melodik lassen sich als solche satztechnischen Ereignisse in Verdis kompositorischer Sprache erkennen. In den unterschiedlichsten musikalischen und szenischen Kontexten treten sie zum überwiegenden Teil dennoch mit ihren konsequenten Konnotationen wie ausweglose Determiniertheit, Tod, Religiöses, Natur- und Nachtdarstellungen, Klage, physische sowie psychische Hinfälligkeit unabhängig von den Schaffensperioden im Gesamtwerk des Komponisten in Erscheinung.
Simon Boccanegra stellt als eine gleichzeitig alle der genannten satztechnischen Phänomene in sich vereinende Oper den Ausgangspunkt für die Erörterung und ebenso für die vergleichende Darstellung mit den genannten satztechnischen Phänomenen in Verdis weiterem Schaffen dar. Sämtliche Opern sowie weitere seiner Werke, u. a. seine größeren und kleineren geistlichen Kompositionen, wurden in die langjährige Untersuchung eingeschlossen.
Durch die Bezugnahme auf Verdis Studien bei Vincenzo Lavigna in Mailand werden historische Voraussetzungen in Bonifazio Asiolis Traktaten Il Maestro di Composizione, Trattato di armonia und L´allievo di clavicembalo zur musiktheoretischen Behandlung der im harmonischen Bereich der Dissertation erörterten satztechnischen Phänomene thematisiert. Ebenfalls wird Verdis Gebrauch des in Sekundschritten pendelnden Dreiton-Motivs in Entsprechung zu Asiolis Beschreibung von Satztechnik und Konnotation des melodischen Motivs aufgezeigt.
Zu weiteren, auf eine künftige detaillierte Erforschung wartenden satztechnischen Phänomenen wie einem rhythmischen Muster als Daktylos, einer anapästischen Formel bei aufsteigendem Halbton, Sextakkordketten sowie zwei Formen des „Seufzers“, dem aufsteigenden und dem „Vorschlag-Seufzer“, werden im Ausblick der Dissertation Resultate im aktuellen Forschungstand der Untersuchungen der Autorin der Arbeit angedeutet.
Ausgehend von der Frage, inwiefern Konzerte das menschliche Grundbedürfnis nach einer resonanten Weltbeziehung bedienen, wird in der vorliegenden Arbeit die aktuell in Fachkreisen intensiv diskutierte Resonanztheorie des Soziologen Hartmut Rosa mit konkreten musikalischen Erlebnissen in LIVE-Konzerten verknüpft. Als Gegenstand der Studie diente die Konzert-Performance human requiem des Rundfunkchor Berlins, bei der das Deutsche Requiem op. 45 von Johannes Brahms, in Szene gesetzt von Jochen Sandig, Sasha Waltz und anderen, erklang. Dabei wurden Gästebucheinträge mit einem auf der Resonanztheorie basierenden Kategoriensystem codiert und inhaltsanalytisch ausgewertet. Die Ergebnisse wurden entlang der Merkmale von Resonanzerfahrungen (Affizierung, Emotion, Transformation) eingeordnet und im Hinblick auf ein mögliches Entfremdungspotential, eine zunehmende Erlebnisorientierung und Limitationen der Studie diskutiert. So konnten intersubjektive Faktoren des Formats ‚Konzert‘ identifiziert werden, die Resonanzerfahrungen in besonderer Weise ermöglichen.
Ausgehend von einer von Jonathan W. Bernard konstatierten Verbindung zwischen Alfred North Whiteheads principle of organism und dem musikalischen Denken Elliot Carters werden formanalytische Beobachtungen dargestellt, die den komplexen und vielfältigen formalen Zusammenhang bei Carter zu erfassen versuchen, wohl in der Überzeugung, dass dies die Eigenart dieser Musik tangiert. Form wird dabei im Sinne eines holistischen Beziehungs-Gefüges verstanden, das durch verschiedenste Arten von Verbindung hergestellt wird.
Gegenstand des Beitrags sind die Zwölftonspiele Josef Matthias Hauers (1883–1959) und das Verhältnis der ausgeführten konkreten Musikstücke zu der abstrakten Idee des Zwölftonspiels. Ausgangspunkt ist eine Analyse der 44 Tropen, in denen Hauer zufolge die Vollständigkeit aller denkbaren Zwölftonreihen (bei Hauer »Zwölftonmelodien« oder »Melosmöglichkeiten« genannt) enthalten ist, was sich jedoch als nicht zutreffend erweist. Gerahmt werden die Überlegungen von dem Verhältnis des Zwölftonspiels Hauers zum Glasperlenspiel von Hermann Hesse, das sehr wahrscheinlich nicht in der häufig angenommenen Identifikation Hauers mit dem Joculator Basiliensis des Glasperlenspiels besteht und von Hesse auch gar nicht bewusst hergestellt worden ist.
Stockend-Rasende Zeit. Wahrnehmung und Interpretation von Beethovens späten Streichquartetten
(2022)
Ein sachlich analytischer Zugang zu den späten Streichquartetten von Ludwig van Beethoven wurde uns oft wegen werkimmanenter Besonderheiten wie auch wegen der Historie der Werkbehandlung zumindest teilweise verwehrt. In diesem Beitrag versucht der Autor ausgehend von unmittelbaren Hörerfahrungen und satztechnischen Gegebenheiten sich den Werken analytisch anzunähern. Dabei konzentriert sich der Beitrag auf die zwei werkübergreifenden Aspekte, Modulation und Textur, an welche eine umfassende Analyse von op. 127/1 anschließt.
In der Märchenoper Sadko verwendet Rimski-Korsakow zur Darstellung der phantastischen Sphäre harmonische Mittel, die sich den Normen der Dur-Moll-Tonalität entziehen, darunter Klangfortschreitungen, die auf verschiedenen Formen der symmetrischen Oktavteilung beruhen. Sie erscheinen vorwiegend im Zusammenhang mit der Anwendung einer Ganzton-Halbtonskala (gelegentlich kombiniert mit einer Ganztonleiter) in der Melodie oder im Bass. Experimentelle Akkordfolgen fungieren in der Oper in Form von satztechnischen Modellen, bei denen das Lineare eine ebenso wichtige Rolle spielt wie das Vertikale. Dieser Text ist ein Versuch, die wichtigsten auf symmetrischen Zirkelsystemen basierenden harmonischen Modelle zu erfassen und ihre Verbindung mit den kontrapunktischen Prinzipien – sowohl auf der Stimmführungsebene als auch in Bezug auf die Satztechnik – systematisch darzustellen.
Das Anthropozän als gegenwärtiges Erdzeitalter ist (vgl. die sich seit dem Jahr 2000 vielfältig verzweigende diskursive Entwicklung in natur- wie in gesellschafts- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen) von einer umfassenden Beeinflussung planetarer Entwicklungen durch Humanaktivitäten gekennzeichnet. Damit einher gehen beunruhigende und bedrohliche Begleiterscheinungen wie der Klimawandel, das Massenaussterben zahlreicher Arten, die Verschmutzung der Ozeane, aber auch das akustische Einwirken auf zahlreiche Tierarten durch menschengemachte Geräusche. Um Perspektiven einer weiteren Öffnung musiktheoretischer Fachlichkeit zur inter- und transdisziplinären Anthropozändiskussion zu eröffnen, werden zwei Vorschläge unterbreitet, mit welchen Methoden und anhand welcher Gegenstände Musiktheorien sich posthumanistisch weiterentwickeln könnten. Der erste Vorschlag ist, Musikkulturen nichtmenschlicher Tiere im Sinne des »Animal Turn« in musiktheoretischen Diskursen zu berücksichtigen. Vor allem dann, wenn Musiktheorie als empirisch exploratives Projekt des Verstehens und Systematisierens von musikalischer Praxis verstanden wird, bietet sich in den Gesängen und Instrumentallauten zahlreicher nichtmenschlicher Tiere ein reiches Untersuchungsfeld. Vorschlag zwei ist, die weitere Entwicklung künstlicher Kreativität musiktheoretisch zu begleiten. Insbesondere vor dem Hintergrund des Fortschritts im Bereich des Maschinellen Lernens ist das Potenzial für eine kreative Handlungsmacht (›Agency‹) von Künstlicher Intelligenz gegeben. Aus der Erweiterung der musiktheoretischen Perspektive, hin zur posthumanistisch informierten Berücksichtigung tierlicher und künstlicher Musikkreation, ergeben sich weitere Entwicklungsmöglichkeiten. Durch die Dekonstruktion anthropozentrischer Vorannahmen in der Musiktheorie und die Entwicklung von Theorien zu mehr-als-menschlichen Musiken kann Musiktheorie außerdem zusätzliche gesellschaftliche Relevanz erlangen.