Hintergrund: Diese Studie (NCT04333303) untersuchte, ob eine komplexe Advance-Care-Planning(ACP)-Intervention die präferenzkonsistente Behandlung bei Bewohnerinnen und Bewohnern von Pflegeeinrichtungen verbessert.
Methode: 44 deutsche Pflegeeinrichtungen wurden zufällig einer auf individueller, institutioneller und regionaler Ebene konzipierten ACP-Intervention versus Kontrolle zugeordnet. Die Hospitalisierungsrate (primärer Endpunkt) wurde als Surrogat für präferenzkonsistente Behandlungen auf Einrichtungsebene für den 12-monatigen Beobachtungszeitraum analysiert. Sekundäre Endpunkte waren Prozess- und klinische Parameter einschließlich präferenzkonsistenter Behandlung (Analyseebene: Bewohnerinnen und Bewohner/Pflegeeinrichtung). Die Endpunkte wurden mit Poisson- und logistischen Regressionsmodellen mit Incidence Rate Ratios (IRR) und Odds Ratios (OR) als Effektschätzern gemäß Intention-to-treat-Prinzip ausgewertet.
Ergebnisse: Die Intervention erfolgte in 23/44 Pflegeeinrichtungen. Die Hospitalisierungen unterschieden sich nicht signifikant zwischen den Gruppen (IRR 1,0; 95-%-KI: [0,97; 1,1]), sanken jedoch ähnlich stark in beiden Gruppen nach Ausbruch der COVID-19-Pandemie. Die Raten präferenzkonsistenter Behandlungsentscheidungen waren vergleichbar (OR 0,9 [0,4; 1,9]). Die vordefinierte explorative Analyse legt nahe, dass präferenzkonsistente Behandlungen in den 6/23 Pflegeeinrichtungen, die Adhärenzkriterien erfüllten, wahrscheinlicher waren (OR 1,9 [0,7; 5,3]). Schriftliche Notfallpläne überwogen erheblich in der Interventionsgruppe (IRR 11,6 [8,2; 16,4]) und noch stärker in den adhärenten Pflegeeinrichtungen (IRR 30,1 [15,7; 57,6]).
Schlussfolgerung: Die Intervention drang nicht ausreichend durch, insbesondere aufgrund der COVID-19-Pandemie, die ihrerseits mögliche Schwächen der Intervention überlagert haben könnte. Die Frage, ob die Intervention präferenzkonsistente Behandlungen fördern kann oder nicht, kann daher anhand dieser Studie nicht beurteilt werden. Explorative Analysen legen jedoch nahe, dass individuelle ACP-Gespräche in Verbindung mit institutioneller ACP-Organisationsentwicklung die Chancen für präferenzkonsistente Behandlungen erhöhen.
Hintergrund
Für Patient*innen mit fortgeschrittenen Lungenerkrankungen kann eine Lungentransplantation die letzte Therapiemöglichkeit darstellen. Obwohl die Patient*innen eine sehr vulnerable Gruppe sind und eine palliativmedizinische Mitversorgung der Patient*innen gefordert wird, ist diese kaum etabliert. Die vorliegende Studie zielt darauf ab, das Krankheits- und Versorgungsgeschehen von Patient*innen auf der Warteliste zur Lungentransplantation umfassend zu beschreiben sowie Indikatoren für palliativmedizinische Bedarfe und Risikofaktoren für ein Versterben während der Wartezeit zu identifizieren.
Material und Methoden
Retrospektive Kohortenanalyse von Patient*innen auf der Warteliste zur Lungentransplantation des LMU Klinikums München. Auswertung von routinemäßig erfassten Gesundheitsdaten zwischen dem 01.07.2016 und dem 30.06.2018 mittels deskriptiver Analysen und logistischer Regression.
Ergebnisse
Insgesamt wurden 242 Patient*innen eingeschlossen, davon waren n=119/242 (49%) weiblich. Bei Aufnahme in die Warteliste betrug das Alter im Mittel 51 Jahre (SD=12,1) und der Lung Allocation Score (LAS) 37,7 (SD=10,9; n=241/242). Die häufigsten Grunderkrankungen waren chronisch obstruktive Lungenerkrankung (n= 91/242, 38%), fibrosierende Lungenerkrankungen (n=73/242, 30%) und zystische Fibrose (n=36/242, 15%). Dazu lagen durchschnittlich 4 weitere chronische Erkrankungen vor (SD=2,5; n=242). 137/242 Patient*innen (57%) erhielten ein Transplantat, 24/242 (10%) verstarben vor einer Transplantation. Während der Beobachtungszeit waren 195/242 Patient*innen (81%) im Median zweimal im LMU Klinikum, 54/195 Patient*innen (28%) für eine Akutbehandlung. Zur Symptomkontrolle erhielten 119/195 Patient*innen (59%) Medikamente mit palliativmedizinischer Relevanz. 5/195 Patient*innen (3%) hatten Kontakt zum Palliativteam. Eine höhere Anzahl an Nebendiagnosen (p=0,03; OR=1,26; KI=1,02–1,54) und die Anzahl an stationären Tagen pro beobachteten Monat (p=0,00; OR=1,32; KI=1,13–1,53) war mit einer höheren Wahrscheinlichkeit assoziiert, während der Wartezeit zu versterben.
Diskussion
Bei Patient*innen auf der Warteliste zur Lungentransplantation zeigen sich deutliche Indikatoren für einen palliativmedizinischen Versorgungsbedarf, jedoch erhielt nur ein geringer Anteil eine entsprechende Betreuung. Die Implementierung strukturierter Assessments zur Erfassung der Symptomlast und weiterer palliativmedizinischer Bedürfnissen könnten eine gezielte und bedarfsgerechte Integration palliativmedizinischer Teams in die Versorgung ermöglichen.