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Die Neuordnung der Gesundheitsfachberufe wird derzeit intensiv diskutiert. Nachdem das Pfegeberufegesetz nach langwieriger Diskussion verabschiedet wurde und das Gesetz zur Reform der Hebammenausbildung voraussichtlich Anfang Januar 2020 in Kraft tritt, stehen aktuell die Ergotherapie, Logopädie/Sprachtherapie und Physiotherapie im Zentrum der Ausbildungsreform.
Hintergrund/Fragestellung:
Eine Rheumatoide Arthritis (RA) verläuft chronisch schubweise und Betroffene leiden unter zunehmenden und schwankenden Symptomen. In der Physiotherapie (PT) werden individuell abgestimmte Interventionen in einem ambulanten (aPT) oder Gruppensetting (gPT) eingesetzt. In Leitlinien wird PT unspezifisch empfohlen. Ärzte verordnen spezifische Formen der PT. Wie ist eine evidenzbasierte und am Bedarf aus Sicht Betroffener orientierte Versorgung zu gestalten?
Methoden/Material:
Drei Methoden wurden kombiniert: 1) Evidenz zu PT wurde mittels eines Systematischen Reviews ermittelt und deren Qualität in Anlehnung an GRADE beurteilt. 2) Einflussfaktoren auf eine Versorgung wurden mittels Sekundäranalyse von Versorgungsdaten aus einer Längsschnittstudie bestimmt. 3) Einflussfaktoren auf den Bedarf an sowie die Verordnung von PT aus Sicht der Betroffenen wurden mittels Fragebogen erhoben. Die Daten wurden soweit möglich mittels Metaanalysen (1), binären (2) sowie multiplen linearen Regressionen und Gruppenvergleichen für abhängige Stichproben (3) analysiert. Es wurden Häufigkeiten (3) der Nennung spezifischer Interventionen sowie von Übereinstimmungen zwischen Bedarf und wahrgenommenem Verordnungsverhalten bestimmt.
Ergebnisse:
1) Eine gPT zeigte bei jungen Betroffenen mit guter Funktion Effekte, war aber bei Vorschäden der Gelenke weder effektiv noch sicher. Zu aPT liegt keine Evidenz vor. 2) Der einzige relevante Vorhersagefaktor für eine Versorgung mit PT ist eine bereits bestehende Versorgung (Exp(B)=10,81 - 171,53, p<0,001). 3) Den stärksten bedarfssteigernden Einfluss hat ein schlechtes körperliches Befinden (B=0,25, p<0,05/MWD 1,3 (NAS 1-10), p<0,001). Teilnehmer (n=305) gaben am häufigsten Bedarf an aPT an, bei schlechtem Befinden vor allem an passiven Maßnahmen. In besseren Phasen besteht zusätzlich Bedarf an gPT. Betroffene haben individuell unterschiedliche Bedarfe und eine Berücksichtigung bedarfsbestimmender Faktoren bei der Verordnung wird kaum wahrgenommen.
Schlussfolgerungen:
Angesichts der geringen Evidenzlage und individueller und schwankender Bedarfe wird ein stark individualisiertes Vorgehen empfohlen. Effektivität, Sicherheit und Passgenauigkeit sind regelmäßig gemeinsam mit den an der Versorgung Beteiligten sowie den Betroffenen zu überprüfen. Insbesondere bei schlechtem Befinden sollte über die Möglichkeit einer aPT und die notwendige Überprüfung aufgeklärt werden. Es besteht dringender Forschungsbedarf für aPT bei RA.
Goal: The Research Pyramid is a model that values and integrates external evidence from multiple research approaches: experimental and observational as well as quantitative and qualitative.
It provides a basis to collect and synthesize research findings for answering questions that emerge in therapy practice and for subsequent decision making, based on research evidence.
Selbsthilfe
(2016)
Die Gesundheitsversorgung kommt ohne die Eigenverantwortung, Selbsthilfe und aktive Mitarbeit der Patient*innen nicht aus. Die medizinische und psychosoziale Versorgung stößt bei chronischen Erkrankungen und bei Behinderungen an ihre Grenzen.
Zusätzlich zu dem professionellen Versorgungssystem leisten daher individuelle und gemeinschaftliche Selbsthilfe einen wissenschaftlich insgesamt gut belegten, wichtigen Beitrag zur Krankheitsbewältigung und zur Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen; Belastungen und „Nebenwirkungen“ scheinen sich in engen Grenzen zu halten. Neben gegenseitiger Hilfe in Selbsthilfegruppen gehören Interessenvertretung, Beratung und Information durch und für Betroffene, Kooperation mit dem Versorgungssystem und zunehmend virtuelle Selbsthilfe zu den wichtigsten Selbsthilfe-Aktivitäten. Die gemeinschaftliche Selbsthilfe wird finanziell in erheblichem Umfang durch die gesetzlichen Krankenkassen gefördert. Viele Selbsthilfegruppen erhalten Unterstützung durch lokale Selbsthilfekontaktstellen und überregionale Selbsthilfeorganisationen. Die gemeinschaftliche Selbsthilfe hat sich von einer anfangs primär emanzipativen und medizinkritischen Bewegung zu einem immer stärker integralen Bestandteil des deutschen Gesundheitssystems entwickelt und ist damit facettenreicher geworden. Sie hat damit aber auch ihren Schwerpunkt auf eine Weise verschoben, dass ihre zukünftige Entwicklung im Spannungsfeld weiterer funktionaler Differenzierung und Institutionalisierung, Selbstauflösung und Neustart sowie als Auslöser für Anpassungsprozesse bei den anderen, sie umgebenden sozialen Systemen, diskutiert wird.
Selbsthilfe
(2020)
Durch die wissenschaftlich fundierte Darstellung der Selbsthilfe (SH) bei rheumatischen Erkrankungen sollen mögliche Handlungsunsicherheiten im Umgang mit Selbsthilfegruppen (SHG) in der täglichen Praxis verringert werden. Welche Mechanismen in SHG wirken, wurde bisher nicht ausreichend wissenschaftlich untersucht. Im Zusammenhang mit dem gesicherten Wissen über die salutogenen und tertiärpräventiven Wirkungsweisen von Kommunikation und sozialen Bindungen, kann aus dem Stand der Selbsthilfeforschung jedoch ein allgemeines heuristisches Modell der Wirkung von SHG abgeleitet werden, welches kurz erläutert wird. Von der Weltgesundheitsorganisation werden rheumatische Erkrankungen als mehr oder weniger klar definierte Erkrankungen der Gelenke, gelenkumgebenden Strukturen und Muskel- oder Bindegewebe beschrieben, die zu schmerzhaften, häufig chronischen Einschränkungen des Bewegungsapparates führen können. Neben der fachärztlichen Versorgung besteht durch die Deutsche Rheuma-Liga (DRL) ein flächendeckendes SH-Angebot für Betroffene. Insbesondere SHG tragen zur gegenseitigen sozialen Unterstützung und zur Informationsaneignung bei den Betroffenen und in deren sozialen Umfeld bei. Sind die Ergebnisse und Schlussfolgerungen der Studien zu den Wirkungen von SH bei rheumatischen Erkrankungen aufgrund methodischer Schwierigkeiten der Wirkungsforschung auch limitiert, heben doch die meisten Forscher hervor, dass die Unterstützung durch SHG allein und in Kombination mit einer professionellen Versorgung neben vielen Einzelaspekten auch die Lebensqualität erhöht.
Im Jahr 2018 haben wir bildungs-, gesundheits- und berufspolitisch bewegte Zeiten durchlebt. Politische Spitzentreffen wechselten sich mit Informationsveranstaltungen für Parlamentarier ab, die Ausbildung und die berufliche Situation wurden in Trippelschritten reformiert, immer gerade nur so weit, wie es die Hoffnung auf Verringerung des politischen Drucks in Bund und Ländern seitens der Regierenden als nötig erscheinen lässt. Die Ausbildungsflickschusterei in den Therapieberufen von der (Teil-)Abschaffung des Schulgeldes bis zur Zahlung einer Ausbildungsvergütung für einen kleinen Teil der Schülerschaft scheint aber eher die Unruhe zu nähren.
In dieser Situation ist es etwas Besonderes, dass umfassende konzeptionelle Perspektiven zu den anstehenden Reformen der Ausbildung und Berufsgesetze entwickelt werden und eine breite verbandliche Unterstützung finden. Das Strategiepapier des Hochschulverbunds Gesundheitsfachberufe (HVG) und des Verbunds für Ausbildung und Studium in den Therapieberufen (VAST) begründet und belegt die Notwendigkeit und Machbarkeit der vollständigen hochschulischen Ausbildung in der Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie in primärqualifizierenden Studiengängen mit einem Übergangszeitraum von 10 – 15 Jahren. (Der HVG ist ein Zusammenschluss von 38 Hochschulen mit Therapiestudiengängen und 18 Berufsfachschulen, die in Kooperation mit Hochschulen Studiengänge mitgestalten. In VAST sind derzeit 5 Schul- bzw. Lehrerverbände organisiert).
Der Deutsche Verband für Physiotherapie (ZVK), der Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten (IFK) und der Verband Physikalische Therapie (VPT) unterstützen dieses Ziel. Diese Einigkeit ist neu und sehr erfreulich; besonders bemerkenswert ist jedoch, dass auch die Mitgliedsverbände des VAST das Papier unterstützen. Die in VAST organisierten Schul- bzw. Lehrerverbände der Therapieberufe (u.a. der Verband der leitenden Lehrkräfte in der Physiotherapie (VLL)) stellen damit die bisherige traditionelle Rolle der Schulen als Ausbildungsinstitutionen mit dem Ziel einer adäquaten Weiterentwicklung der Ausbildung zur Disposition.
Um die medizinische und therapeutische Versorgung von Patienten kontinuierlich zu optimieren, wird von Angehörigen der Gesundheitsberufe, therapeutischen Teams und Versorgungseinrichtungen gefordert, wissenschaftliche Erkenntnisse (externe Evidenz) in die tägliche Praxis zu integrieren und auf den jeweiligen Patientenfall abzustimmen. Die Aufbereitung, Systematisierung und Bewertung der externen Evidenz orientiert sich dabei klassischerweise an eindimensionalen Evidenzhierarchien, die vorwiegend quantitativ-experimentelle Studiendesigns berücksichtigen. In diesem Beitrag wird die Orientierung an klassischen eindimensionalen Evidenzhierarchien kritisch hinterfragt. Als Alternative wird das Modell und die Systematik der Forschungspyramide vorgestellt, die Evidenz aus unterschiedlichen Forschungsansätzen umfassend berücksichtigt und dennoch methodologisch streng beurteilt. Der Einbezug beobachtender und qualitativer Studien stellt dahingehend eine besondere Praxisnähe her.