7 Künste und Unterhaltung
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Monte Verità und Glastonbury
(2024)
Am Anfang des 20. Jahrhunderts wurde in der Kommune auf Monte Verità eine Lebensweise nach den Grundsätzen der Lebensreformbewegung praktiziert. Zur gleichen Zeit zog Glastonbury mit seiner Legende um König Artus und seiner mystischen Aura zahlreiche Vertreter theosophischer und okkulter Bewegungen an. Seit Beginn der „Glastonbury Festivals“ in den 1970er Jahren haben sich auch Hippies, Ley-Lines-Hunters, neuheidnische Gruppen und Anhänger der New-Age-Bewegung dort angesiedelt. Beide Orte fungieren als Experimentierfelder für eine antimoderne, naturbasierte Lebensweise, sowie für das eskapistische Interesse für nicht christliche, fernöstliche und wenig institutionell geprägte Religionsformen. Diese Tendenzen nehmen in der derzeitigen Gesellschaft an Popularität zu und benötigen eine kritische Reflexion durch die kulturgeschichtliche Analyse.
Dadurch lässt sich auch verdeutlichen, dass die Vorstellungen der Bewegungen, die sich an beiden Orten gesammelt haben – das Interesse für das Mystische, die Sakralisierung der Natur und Hinwendung zur vormodernen und vorchristlichen Vergangenheit – auf das Gedankengut der deutschen und englischsprachigen Frühromantik zurückzuführen sind. Gleichzeitig entsprechen beide Orte aufgrund ihrer Funktion als Zufluchtsorte für gesellschaftskritische Lebensentwürfe, den Merkmalen von Foucaults Heterotopien: „andersartige Räume“, d.h. Orte für all jene, die eine Abweichung von der Gesellschaft, sei es im sozialpolitischen oder religiös-spirituellen Sinne, aufweisen. Daher entstand der Begriff der „neuromantischen Heterotopien“. Dieser fasst einerseits die Funktion beider Orte für das europäische kulturelle Gedächtnis zusammen, andererseits eröffnet er die Möglichkeit einer Kategorisierung weiterer ähnlicher Orte und somit neue Horizonte für die kulturgeschichtliche Forschung.
Sowohl der Belgier Henry van de Velde als auch August Endell aus München sind Künstler des Jugendstil und Art Nouveau, die zur Zeit der Wende hin zum 20. Jahrhundert ihre Kunst programmatisch theoretisieren und mit einem gesellschaftsreformerischen Auftrag versehen. So proklamieren sie in ihren kunsttheoretischen Texten die Abstraktion der Linie und Form und argumentieren dabei auf Basis der ästhetischen Psychologie, der Psychophysik und Physiologie. Diese in der Zeit noch neuen naturwissenschaftlichen Disziplinen zeigen auf, dass Linien und Formen im Prozess der ästhetischen Wahrnehmung einen direkten Einfluss auf die Empfindungen des Betrachters hätten. Sie erklären dies damit, dass Linien Bewegungsrichtungen abstrahierten, die durch Imagination körperlich nachempfunden werden könnten. Jede Form setze sich zusammen aus abstrahierten Zuständen, die so auch in natürlichen, physikalischen und formalen Zusammenhängen in der Natur zu finden seien. Van de Velde und Endell gehen so davon aus, dass in dieser Weise die Kunst in der Lage sei, über den einzelnen Menschen schließlich die gesamte Gesellschaft zu beeinflussen und zu reformieren. In einer Gegenüberstellung ihrer kunsttheoretischen Positionen werden dabei Unterschiede in den Vorstellungen vom Vorgang der ästhetischen Wahrnehmung und damit der Beeinflussung durch Linie und Form deutlich. Dies zeigt sich sowohl argumentativ, als auch in ihrem künstlerisch-praktischem Werk im Grad der Abstraktion von Linie und Form. Bestimmend ist dabei insbesondere die Suggestion, die bereits von einigen Theoretikern und Wissenschaftlern der Zeit auch in Verbindung zur ästhetischen Wahrnehmung verhandelt wird. Van de Velde und Endell entwickeln so auf Grundlage der wissenschaftlichen Ergebnisse zur Suggestion ihre gesellschaftsreformerisch angelegte Kunsttheorie.
Ihre Texte zur Kunst zeigen deutliche Überschneidungen zu den Annahmen und Ergebnissen zur ästhetischen Wahrnehmung, wie sie der Psychologe Theodor Lipps aus München formuliert. Dabei ist nicht nur sein Konzept der „Einfühlung“ von Bedeutung. Gerade sein Postulat einer „mechanischen Ästhetik“ setzt dem Prozess der ästhetischen Wahrnehmung ein positivistisches Verständnis voraus. Auch die Abhandlungen der beiden Künstler offenbaren ein Menschenbild, das heißt vor allem ein Bild eines funktionierenden Körpers, das sich auf eine positivistische Naturwissenschaft stützt. Dabei scheint jedoch auch die Idee einer „Lebenskraft“ durch, die „mechanisch“ bestimmt ist.
Van de Veldes und Endells kunsttheoretische Positionen zur Abstraktion von Linie und Form werden mit Blick auf deren Bezug zu zeitgenössischen Annahmen zum Prozess der ästhetischen Wahrnehmung zueinander in Beziehung gesetzt. Auch wenn sich weder van de Velde noch Endell als Künstler der Lebensreform verstehen oder eine Nähe zu den Lebensreformern suchen, so wird doch deutlich, dass sie sich mit ihrem gesellschaftreformerischen Anspruch in dessen Diskurs bewegen.
Abstract
Die Fotoreportage in Deutschland von 1925 bis 1935.
Eine empirische Studie zur Geschichte der illustrierten Presse in der Periode der Durchsetzung des Fotojournalismus
Diese Studie befasst sich mit der Entwicklung der Fotoreportage in deutschen illustrierten Wochenzeitungen (1925-1935). Nur wenige Behauptungen zur Entwicklung der Fotoreportage sind empirisch fundiert. Die vorliegende Studie untersucht zwei Hypothesen mittels einer quantitativen Inhaltsanalyse: Zum einen die These, dass die moderne Fotoreportage ab 1929 von Stefan Lorant entwickelt wurde, und zum anderen Gidals Feststellung, dass 1933 der neue Bildjournalismus in Deutschland zusammenbrach und sich hauptsächlich propagandistischer Bilder bediente.
Das Korpus enthält alle Ausgaben der Berliner Illustrirten Zeitung, der Arbeiter-Illustrierten Zeitung, des Illustrierten Beobachters und der Münchner Illustrierten Presse von 1925 bis 1935. Die Inhaltsanalyse zeigt, dass die Anzahl der Fotoreportagen ab 1927 stark anstieg. Fotoreportagen wiesen schon in allen vier Illustrierten narrative Strukturen und Elemente (ein zweiseitiges Layout, eine ansprechende Typografie, wechselnde Fotoformate, Schlüsselbilder, Freistellungen und Überlappungen von Fotos) auf und halten dem Vergleich mit der modernen Fotoreportage Gidals stand. Nach 1928 stieg die Anzahl der Fotoreportagen in allen vier Medien weiter an. Die narrativen Gestaltungselemente gewannen bis 1932 immer mehr an Bedeutung. Ab 1933 zeigte sich eine Entwicklung zur mehrseitigen Reportage – mit propagandistischem Inhalt und zur großformatigen Fotografie, wogegen die Anzahl narrativer Elemente abnahm.
Die moderne Fotoreportage entstand also nicht erst von 1929 bis 1931 in der MIP, sondern bereits ab 1927 in der MIP, AIZ und im IB (BIZ 1929). Ab 1933 erschienen im Layout veränderte, propagandistische Fotoreportagen. Die narrative Struktur und Ästhetik des Layouts entsprach in vielen Fällen immer noch den Kriterien der modernen Fotoreportage. Ein Zusammenbruch des Bildjournalismus ist nach den vorliegenden Untersuchungen nicht zu erkennen.
