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Institut
Gemeinschaft
(2017)
Der Begriff der Gemeinschaft wird von verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen zum Teil ganz unterschiedlich aufgefasst. Eine häufige Verfahrensweise ist seine Abgrenzung gegenüber dem Konzept der Gesellschaft. Ferdinand Tönnies, der mit seinem Buch „Gemeinschaft und Gesellschaft“ 1887 eine für die Soziologie grundlegende Betrachtung und Konkretisierung lieferte, beschreibt zwar beide als Formen sozialer Ordnung. Als Hauptunterscheidungsmerkmal identifiziert er aber ihr Einhergehen mit zwei verschiedenen Willensformen des Menschen: dem Wesenswillen, der auf die Bildung von Gemeinschaft zielt und dem Kürwillen (zunächst noch Willkür genannt), der in Verbindung mit Gesellschaft steht. „Gemeinschaft ist das dauernde und echte Zusammenleben, Gesellschaft nur ein vorübergehendes und scheinbares. Und dem ist es gemäß, dass Gemeinschaft selber als ein lebendiger Organismus, Gesellschaft als ein mechanisches Aggregat und Artefact verstanden werden soll“.
Im Zentrum des Artikels steht das Konzept des postdigitalen Körpers, welches den Status des Menschen nach der Digitalisierung und die vielfältigen Verschmelzungen zwischen Lebewesen und Technik beschreibt. Vollständig nicht-digitale Erfahrungen sind kaum mehr möglich, das Hybride ist zum Normalzustand geworden. Allein das Smartphone erzeugt beständig neue Koppelungen zwischen digitalen und physischen Ebenen, die über den Körper als Interface verbunden werden. Anwendungen, die diese Verkoppelungen adressieren, verfolgen menschliche Aktivitäten zum Teil, um sie besser verstehen zu können, gestatten aber auch Eingriffe in und Anstöße für spezifische Handlungsweisen. Letzteres ist im LBMG (Location Based Mobile Game) der Fall, welches auf Basis der Spielregeln, Menschen dazu bringt, sich an bestimmte Orte zu begeben und spezifische Handlungen auszuüben. Der postdigitale Körper wird so zum Spielmaterial, wenngleich die digitale Orchestrierung meist unbewusst bleibt. Am Beispiel künstlerischer LBMGs wird gezeigt, wie diese die Chance bieten, den postdigitalen Körper haptisch erfahrbar zu machen, kritisch zu reflektieren und zu einem bewussteren Umgang mit entsprechenden Technologien zu führen.
Der vorliegende Artikel befasst sich mit politischer Information auf der Mikro-Video-Plattform TikTok ausgehend von dem Hashtag #ww3, welches im Januar 2020 im Zusammenhang mit einem vermeintlichen Ausbruch eines 3. Weltkriegs grosse Popularität erhielt, nachdem US-Präsident Donald Trump einem von den USA geführten Drohnenangriff zugestimmt hatte, bei dem Irans General Qassem Soleimani getötet wurde. Auf Basis von 1373 entsprechend verschlagworteten Videos inklusive Captions wird multimethodisch analysiert, inwiefern Nutzende die unterschiedlichen kommunikativen Ebenen, die das Netzwerk bereit hält, verwenden, um – ausgehend von einem konkreten Thema – persönliche Bezüge, Gedanken und Einstellungen zu diesem zu verhandeln. Die quantitative Auswertung zeigt, dass der Wunsch nach Viralität und Sichtbarkeit zwar einen hohen Stellenwert für Nutzende auf TikTok hat, Videos und Captions aber auch intensiv genutzt werden, um sich mit politischen Themen und Fragestellungen auseinanderzusetzen. Auf welche Weise dies geschieht, wird im Rahmen des qualitativen, inhaltsanalytischen Teils der Studie betrachtet. Als gestalterische Mittel zur kreativen Bearbeitung politischer Information lassen sich dabei u.a. die Transformation bzw. der Plot-Twist in der Narration der Videos sehen, die semantische Klärung durch Text-Insertierungen, der Wunsch, eine primäre Lesart für das eigene Video vorzuschlagen und die ironische Überhöhung zur Distanzierung von eigenem Content oder emotionalen Triggern.
Creative coding is a form of postdigital art that uses programming to solve esthetical problems, subordinating functionality to expression. It often comes with rather uncommon usage patterns of coding, going beyond technologies' affordances and finding ways of appropriating them in an individual way and in exchange with others. The learning ecologies GitHub, Stack Overflow, and Pouët present digital infrastructures that curate and support such appropriation-related activities. The paper presents a qualitative analysis of the structure of these spaces, and the appropriation-related communication taking place. It shows how crucial the varying designs of the learning ecologies and the implemented interaction possibilities are for the appropriation activities taking place and draws a line to the desire for stronger participation in postdigital curation.
Der Beitrag führt in die Grundidee des Sammelbands zur Verschwisterung der Bereiche postdigitale Kunst und Kulturelle Bildung ein. Dazu wird ein Überblick über das Konzept des Postdigitalen und die damit einhergehenden Veränderungen der Kulturellen Bildung gegeben. Weiterhin werden die einzelnen Beiträge des Sammelbands und die thematischen Cluster vorgestellt sowie drei zentrale Thesen für Folge-Forschungs- und Bildungsaktivitäten in dem Bereich herausgearbeitet.
Der Beitrag spürt der Frage nach, auf welche Weise sich künstlerische und kuratorische Prozesse sowie die Vermittlungsarbeit unter dem Einfluss postdigitaler Künste verändern. Auf Basis einer begriffstheoretischen Analyse, einer qualitativen Interviewstudie mit digital arbeitenden Künstler*innen und Kurator*innen sowie einer Clusteranalyse postdigitaler Kunstbeispiele wird eine Handreichung zu Bedarfen zeitgenössischer Kunst- und Ausstellungsproduktion entwickelt. Die analysierten Handlungsempfehlungen werden entlang des zentralen Arguments empathischer Feedbackschleifen im Ausstellen konzipiert.
Post-digital fairy tales
(2021)
How can Interactive Digital Narratives (IDNs) be employed to reflect on and understand post-digital society and its challenges? To discuss such a complex matter, object of our investigation through the years, we rely on the results of an experimentation that used fairy tales as a starting point for opening up imagination and increasing the distance to everyday life and typical media usage behavior. The activity “Postdigital Fairy Tales” was conducted at Politecnico di Milano, bringing together 45 students in Communication Design for five full days of intensive experimentation. We explored the practice of crafting and developing interactive narratives that analyze societal twists and shifts due to digitalization by remixing traditional fairy tale narratives with aspects of our post-digital era. For this reason we chose to focus on Instagram and to exploit its affordances. The results show how IDNs can be used to question digital media usage with regard to patterns of aesthetics and interaction modes, and to analyse the wicked problems associated with digitalization.
Das interdisziplinäre Forschungsvorhaben widmet sich postdigitalen Kulturszenen, die an der Schnittstelle von Kunst, Bildung und Technologie innovative Formate ästhetischer Aneignung, Produktion und Vermittlung hervorbringen. Gemeint sind künstlerische Praktiken, die die Computertechnik zum Ausgangspunkt nehmen, um durch sie bedingte und über sie hinausgehende Fragestellungen ästhetisch neu zu verhandeln. Ausgangspunkt ist die postdigitale Beobachtung, dass Algorithmen und Daten die Gesellschaft längst durchziehen, unsere Verhältnisse zur sozialen und materiellen Welt zunehmend über digitale Repräsentationen vermitteln und die Komplexität ihrer technologischen Konstituierung unsichtbar wird (Bolter/Gruisin 1999; Cramer 2015; Berry/Dieter 2015; Contreras-Koterbay/Mirocha 2016). Vor diesem Hintergrund erlauben Kunstpraktiken, die mit digitalen Methoden generiert, aber nicht notwendigerweise digital vermittelt werden, in besonderem Maße Prozesse der Digitalisierung kritisch zu reflektieren und so die Beziehungen zwischen digitalen und physischen Räumen nicht aus dem Blick zu verlieren, sondern aktiv mitzugestalten. Dennoch finden sie in der Kulturellen Bildung (KuBi), deren Zielgruppen kaum Bewusstsein für das künstlerische und kritische Potenzial digitaler Formate haben, bislang wenig Berücksichtigung. Es scheint, als ob postdigitaler Kunst über die Altersgruppen hinweg ein hohes Maß an Affirmation von Digitalisierungsprozessen zugesprochen wird. Im Kontrast hierzu veranschaulichen prominente Vertreterinnen und Vertreter, wie digitale Methoden produktiv eingesetzt werden, um kritische Fragen zur Digitalisierung zu artikulieren (Bridle 2013). Hervorzuheben ist die Reflexionsfähigkeit medienimmanenter Ausdrucksformen postdigitaler Kunst, die eine rezeptive und kreative Auseinandersetzung mit ihrer soziotechnischen Spezifik ermöglicht, wenngleich sie im Kunstverständnis der jüngeren Generation kaum eine Rolle spielen (Meyer 2010, Seitz 2013a; Rat für Kulturelle Bildung 2015a). Es fehlt die notwendige Grundlagenforschung, um eine angemessene Anwendung postdigitalen Kunstschaffens für verschiedene Zielgruppen der KuBi zu ermöglichen. In dem folgenden Beitrag umreißen wir kurz den Status Quo der KuBi, reflektieren wesentliche Entwicklungslinien postdigitaler Kunst und formulieren Ansprüche für transdisziplinäre Forschung an deren Schnittmenge.
Curatorial activities provide (infra)structure and meaning to artworks through the selection and combination of different pieces and their public display. Therefore the way context is added shapes people’s perspective towards art. (Post-)digital art and online exhibitions come with specific constraints concerning curation and have a potential to overcome the hierarchies between curators, artists and visitors. In discussing selected digital exhibition formats from the 1990s until today, the article illustrates how the genre has evolved in response to technological changes and concepts of democratization as well as user involvement. Looking at the online exhibition “UN/NATURAL SURROGATES” (2019) the article opens up a perspective towards meta-curating that allows to conceive (online) exhibitions as a means of reflecting on curatorial processes in the postdigital era.