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An Gedenkstätten zu ehemaligen Konzentrationslagern konkretisiert sich die Geschichte des Nationalsozialismus, die gesellschaftlich, institutionell und familienbiografisch weiterwirkt. In diesem Artikel werden ausgewählte Befunde aus einer qualitativen Studie zu Antisemitismus vorgestellt, die auf Gruppendiskussionen mit pädagogischen Teams an vier Gedenkstätten zu ehemaligen Konzentrationslagern basieren. Neben der Schilderung von antisemitischen Situationen und pädagogischen Ansätzen unternehmen die Studienteilnehmer:innen den Versuch einer Einordnung ihres Arbeitsfeldes in Bezug auf Antisemitismus. Beschrieben wird ein „Fantasiefeld“, das in der gesellschaftlichen Rezeption von Gedenkstätten entstehe. Die Orte und die damit verbundenen historischen Ereignisse würden nicht als mehrheitsgesellschaftliches, sondern als primär jüdisches Thema assoziiert, das in der Gegenwart durch Juden:Jüdinnen vermittelt werde. Insgesamt verweist die Studie auf die Notwendigkeit eines strukturellen Antisemitismusverständnisses und einer umfassenden Reflexion über soziale Konstellationen in der Gedenkstättenpädagogik der postnationalsozialistischen Gesellschaft.
Using two phenomena of violence against children and intimate partner violence and based on two case studies, we explore the extent to which social processes of interpreting and negotiating violence contribute to further theorization efforts. The central unifying element is that both forms of violence are enabled and performed in power relations and have long been socially, legally, and politically legitimized. Therefore, our study’s focus is not on violence as a subject but rather on the social negotiation and construction of meanings of actions framed as violent. This perspective is exemplified by two independent case studies and data material that illustrate how such microscopic arguments are developed empirically. The methods used for the two case studies include qualitative analyses of interviews and organizational documents. Hence, we also discuss the researchers’ involvement and challenges in these processes. Based on our analytical findings, we argue for the use of an approach of a subject appropriated theorizing violence rather than a formal theory formation of violence. The procedural analysis of violence revealed its importance in making non-public and socially taboo forms of violence analytically accessible.
Perspektivendivergenz in der Antizipation und Einordnung antisemitischer Gewalt im Kontext Schule
(2022)
In Deutschland wurde Antisemitismus über Jahrzehnte vorwiegend unter dem Aspekt der Stereotypenbildung, Vorurteils- und Meinungsforschung untersucht.1 Seit etwas über einem Jahrzehnt entwickelt sich eine neuere Forschungslandschaft, die neben den Ursachen auch nach der Bedeutung antisemitischen Wissens in sozialen Konstellationen der Gegenwartsgesellschaft fragt und antisemitische Praktiken in Institutionen in den Blick nimmt. Erst seit 2017 wird umfassender zu Antisemitismuserfahrungen aus jüdischen Perspektiven geforscht, insbesondere im Kontext Schule. Die aktuellen Forschungsbefunde verweisen auf eine starke Perspektivendivergenz« im Hinblick auf die Antizipation und Wahrnehmung von Antisemitismus. Im Folgenden fragen wir nach dem Bedeutungsgehalt dieser Perspektivendivergenz. Auf der Grundlage einer Studienreihe zu Antisemitismus an Schulen gehen wir der Frage nach, wie Antisemitismus durch unterschiedliche Akteur:innen wahrgenommen und eingeordnet wird. Zunächst rahmen wir den Begriff der Perspektivendivergenz in Bezug auf Antisemitismuserfahrungen theoretisch und historisch. Daran anschließend skizzieren wir die methodologische Anlage der Untersuchung und diskutieren Strukturmerkmale der Perspektivendivergenz kontrastierend anhand von Ausschnitten aus empirischem Material. Der Artikel endet mit organisationalen und pädagogischen Schlussfolgerungen.
Suchtselbsthilfeangebote wurden im Erwachsenenvollzug bisher nur gering ausgebaut. Es gibt bisher keine empirischen Daten dazu, wie Suchtselbsthilfeangebote im Kontext des Strafvollzugs von Gefangenen genutzt und wahrgenommen werden und wie sowohl Gefangene als auch Justizvollzugsbeamte und Sozialarbeiter:innen die Umsetzung entsprechender Angebote einschätzen. Vor dem Hintergrund dieser Forschungslücke wurde in den Jahren 2023 – 2024 an der Fachhochschule Potsdam eine explorative Studie zur Suchtselbsthilfe im Kontext des Strafvollzugs durchgeführt. Die Studie hatte zum Ziel, die Nutzung und Deutung von Suchtselbsthilfeangeboten für Männer- und Frauengruppen im offenen Vollzug aus den verschiedenen beteiligten Perspektiven vertiefter zu untersuchen.
Die Architektur und Gestaltung von Justizvollzugsanstalten (JVA) sowie die alltäglichen Abläufe prägen das Leben der Inhaftierten und des Vollzugspersonals maßgeblich. Dabei sind Gefängnisse nicht nur Orte der Freiheitsentziehung, sondern komplexe soziale Räume, in denen vielschichtige Interaktionen und Beziehungen entstehen. Sie spielen eine zentrale Rolle im Strafrechtssystem und sind damit entscheidend für die Resozialisierung der Gefangenen. Vor diesem Hintergrund ist die Untersuchung der Gefängnisarchitektur und der Lebensbedingungen in Haftanstalten von hoher gesellschaftlicher Relevanz. Eine fundierte Analyse dieser Aspekte kann Erkenntnisse darüber liefern, wie die Architektur und Gestaltung einer JVA sowie die dadurch ermöglichten sozialen Interaktionen zur Verbesserung des Haft- und Arbeitsalltags und der Resozialisierungsprozesse beitragen können. Die von der Berliner Senatsverwaltung geförderte ethnografische Studie „Gefängnisarchitektur – Raumnutzung und Alltagserleben in einer Berliner Justizvollzugsanstalt“ wurde im Zeitraum vom 1. August 2023 bis zum 30. Juni 2024 durchgeführt. Das Erkenntnisinteresse der Studie betraf die Alltagspraktiken, die Raumnutzung und Raumaneignung sowie die sprachlichen Interaktionen, sozialen Beziehungen und Bedarfe von Gefangenen, Mitarbeitenden des Allgemeinen Vollzugsdienstes und Sozialarbeitenden. Ziel der Forschung war es, vertiefte Erkenntnisse über das Alltagserleben in einer neu gebauten, modernen Berliner JVA zu gewinnen. Die empirischen Befunde können zur Weiterentwicklung der Gestaltung des Haftalltags und der Resozialisierung von Gefangenen beitra-gen. Sie bieten zudem Anhaltspunkte für zukünftige Neubauten oder Renovierungen von Haftanstalten.
Dethematisierung und Abwehr
(2023)
Trotz der zunehmenden gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt in Institutionen bleibt der frühpädagogische Bereich empirisch unterbeleuchtet. Dieser Beitrag analysiert den institutionellen Umgang mit sexualisierter Gewalt in Kitas anhand zweier Fallstudien. Er analysiert die Dynamiken der Thematisierung und Anzeige sexualisierter Gewalt durch Eltern gegen Kita-Personal und externe Personen. Dabei zeigt sich, dass kitaspezifische Strukturen, geprägt durch vielschichtige Abhängigkeitsverhältnisse und institutionelle Geschlossenheit, die Abwehr von Thematisierungen sexualisierter Gewalt begünstigen. Die Untersuchung identifiziert zentrale Abwehrmechanismen, die eine institutionelle Auseinandersetzung erschweren, wie den Verweis auf langjährige kollegiale Beziehungen und die Mystifizierung der Vorwürfe. Die Fallstudien verdeutlichen, dass die institutionellen Reaktionen stärker auf den Schutz der angezeigten Fachkräfte ausgerichtet sind als auf den Kinderschutz. Die Ergebnisse werfen Fragen zur institutionellen Verantwortung und zu den Herausforderungen einer effektiven Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in Kitas auf und liefern wertvolle Implikationen für das professionelle Handlungsfeld der Frühpädagogik.
Die vorliegende Studie untersucht, wie inhaftierte Väter im Spannungsfeld institutioneller Kontrolle, innerpsychischer Auseinandersetzung und familiärer Bindung ihr Verständnis und ihre Praxis von Vaterschaft (‚doing fathering‘) aushandeln. Im Zentrum steht die Analyse narrativer Selbstpositionierungen, die in Gruppendiskussionen mit zehn inhaftierten Vätern aus drei Justizvollzugsanstalten erhoben wurden. Die Auswertung folgt einem qualitativ-rekonstruktiven Zugang entlang dreier analytischer Zugriffsebenen: bildhaften Metaphern (Makro), kollektiven Erzählmustern (Meso) und individuellen Narrationen (Mikro). Die Ergebnisse zeigen ein Ringen um eine fürsorgliche Identität in vier miteinander verwobenen Erzählmustern: Bewegungen zwischen Strafe und Schaden, Ringen um Selbstverantwortung in doppelter Liminalität, Selbstbeschuldigung und fürsorgliche Schonung, Ohnmacht in relevanten Beziehungsmomenten. Die Studie betont die Bedeutung narrativer und symbolischer Aushandlungsprozesse für die psychosoziale Stabilisierung und legt nahe, Vaterschaft im Strafvollzug nicht nur als Risiko- oder Resozialisierungsfaktor, sondern als dynamischen Entwicklungsprozess zu verstehen. Pädagogische Angebote sollten Räume eröffnen, in denen Ambivalenzen zugelassen werden und väterliche Sorge als Ausdruck reflexiver Selbstverantwortung begleitet wird.