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Die vorliegende Arbeit trägt zur Erweiterung der Schreibzentrumstheorie bei, indem die Perspektiven von Peer Tutor_innen auf ihre Rolle im Schreibzentrum und deren Beitrag zur Entwicklung von Schreibzentren beleuchtet werden. Inspiriert durch das Peer Writing Tutor Alumni Research Project (Hughes et al. 2010) und die Erkenntnis von Katrin Girgensohn, dass Peer Tutor_innen eine Schlüsselrolle innerhalb der Schreibzentrumsentwicklung wahrnehmen, sollen im Rahmen der Arbeit folgende Fragen beantwortet werden: Welchen Beitrag leisten Schreib Peer Tutor_innen zur nachhaltigen Entwicklung von Schreibzentren? Wie nehmen sie ihre Rolle im Schreibzentrumskontext und den Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung von Schreibzentren wahr? Welche Bedingungen müssen gegeben sein, damit sich Schreib Peer Tutor_innen erfolgreich im Schreibzentrum einbringen können? Zur Beantwortung dieser Fragen, habe ich sieben Expert_inneninterviews mit erfahrenen Schreib Peer Tutor_innen (1,5 Jahre bis 4 Jahre Erfahrung als Peer Tutor_in) aus unterschiedlichen deutschen Schreibzentren über Skype geführt. Die Ergebnisse meiner Studie zeigen, dass Peer Tutor_innen zum einen in ihrer internen Rolle, welche sich auf den individuellen Schreibzentrumskontext bezieht, zur nachhaltigen Entwicklung von Schreibzentren beitragen. Diese umfasst das Engagement im Rahmen von Aus- und Weiterbildung und den unterschiedlichen Aufgabenbereichen. Peer Tutor_innen tragen außerdem zur Entwicklung des Schreibzentrums bei, indem sie sich im Rahmen ihrer externen Rolle, auf (nationalen und internationalen) Konferenzen und durch Publikationstätigkeiten engagieren. Dieser Rolle, obwohl sie eine große Auswirkung auf die Schreibzentrumsentwicklung hat, wurde bislang zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Somit empfehle ich Schreibzentrumsleiter_innen ihre Peer Tutor_innen dabei zu unterstützen, die Tätigkeitsbereiche, die die externe Rolle umfassen, in die laufende Schreibzentrumsarbeit zu integrieren und z.B. als Teil der Arbeitszeit anzuerkennen.
Das Konzept des Peer Tutoring (PT), den Wissensschatz von Studierenden durch einen hierarchiefreien Austausch untereinander zu erweitern , setzten im April 2013 zwei der drei Fakultäten an der Europa-Universität Viadrina (EUV) in die Tat um. Das PT-Projekt sah nicht nur die Einführung von studentischen Peer Tutor_innen in kultur- und wirtschaftswissenschaftlichen Fachtutorien vor, sondern befasste sich auch mit der Gestaltung von sog. Lern- und Studiergruppen. Doch welchen Chancen, aber auch Herausforderungen sehen sich die studentischen Peer Tutor_innen gegenüber? Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, mögliche Konfliktfelder zu eruieren, die sich im Kontext der Tätigkeit von Fach Peer Tutor_innen (FPT)ergeben können. Um herauszufinden, wie die Kompetenzen der FPT im Bereich Konfliktmanagement gestärkt, bzw. verbessert werden könnten, beschäftigt sich die Arbeit zunächst mit dem Konzept des Peer Tutorings sowie mit dem Konfliktumgang an Universitäten und Hochschulen aus theoretischer Sicht. Im Rahmen einer qualitativen Untersuchung in Form von halbstrukturierten Interviews werden die Erfahrungen aller am Peer Tutoring Prozess teilhabenden Beteiligten ausgewertet. Berücksichtigt werden dabei die Fach Peer Tutor_innen der wirtschafts- und der kulturwissenschaftlichen Fakultät, die sie betreuenden Dozierenden sowie die an den Fachtutorien teilnehmenden Student/innen. Im Fokus der Untersuchung stehen dabei insbesondere drei Fragen: (1.) Mit welchen Konflikten sind die FPT konfrontiert? (2.) Wie gehen sie mit diesen Konflikten um? (3.) Welche Maßnahmen könnten für sie hilfreich sein, um das eigene Konfliktmanagement zu verbessern? Die Ergebnisse der Befragung zeigen, dass die FPT je nach Fakultät unterschiedliche Konflikte erleben und auch auf verschiedene Weise mit diesen umgehen: Während FPT der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät es als problematisch erleben, nicht auf Fragen vonseiten der Studierenden antworten zu können, haben die kulturwissenschaftlichen FPT Schwierigkeiten, sich in ihrer Doppelrolle als Student_in und Lehrkraft zurechtzufinden. Dies kann u.a. mit dem unterschiedlichen Auftrag durch die jeweilige Fakultät begründet werden. Im Gegensatz zu den Wirtschaftswissenschaftler_innen, die einen klaren Lehrauftrag haben, ihre Studierenden bei fachlichen Übungen zu unterstützen, ist der Rahmen, innerhalb dessen FPT der Kulturwissenschaften ihre Tutorien anbieten, nicht so klar abgesteckt und bietet, aber erfordert somit auch größere Gestaltungsfreiheit. Im Hinblick auf mein Forschungsanliegen, wie die Situation der FPT verbessert und ihr Konfliktmanagement gestärkt werden könnte, habe ich folgende Handlungsmöglichkeiten herausgearbeitet: Im Rahmen der Ausbildung als FPT könnte der Konflikt zwischen den Rollen als Student_in auf der einen und Lehrkraft auf der anderen Seite explizit diskutiert werden; didaktische Kompetenzen sollten in diesem Kontext ebenfalls vermittelt werden; außerdem könnte eine Plattform geschaffen werden, die einen Austausch zwischen Studierenden, Peer Tutor_innen, aber auch zwischen Letztgenannten und Dozierenden ermöglicht.
In der vorliegenden Masterarbeit wurde eine Studie zur studentischen Schreibberatung am Schreibzentrum der Europa-Universität Viadrina vorgenommen. Aus problemzentrierten Interviews mit Rat suchenden Studierenden dieser Schreibberatung wurde mit der Qualitativen Inhaltsanalyse induktiv ein Kategoriensystem entwickelt, das Aufschluss darüber gibt, wie die Ratsuchenden die Schreibberatung wahrnehmen. Diese nehmen die Schreibberatung als hilfreich wahr, weil sie kurzfristig wirksam, professionell, persönlich, langfristig wirksam, hierarchiefrei und offen ist.
Das Schreibzentrum als eine der neueren Einrichtungen an der Europa-Universität Viadrina versteht und befördert das Schreiben als Schlüsselqualifikation vor allem im akademischen Bereich und gründet seine Schreibberatungspraxis auf dem methodischen Ansatz des Peer Tutoring. Da Internationalität ein wesentlicher Aspekt jeder Arbeit mit und an der Viadrina ist, wird sich die vorgestellte Studie mit den Möglichkeiten und Grenzen dieser Methodik in Bezug auf nicht-muttersprachliche Studierende beschäftigen. Aus den Beratungsprotokollen induktiv und deduktiv angelegte Kategoriensysteme werden die Anwendbarkeit des Peer Tutoring auf internationale Studierende nachzeichnen. Die Arbeit, gestützt durch eine qualitative Inhaltsanalyse der empirischen Sozialforschung, zielt nicht darauf ab, die Praxis des Peer Tutoring am Schreibzentrum der Viadrina unter Rücksicht auf eine äußere Hypothese hin zu evaluieren. Sie möchte vielmehr ein differenziertes Bild der Praxis – gerade aus dem Kontext ihrer Performanz heraus – entfalten, um von dort aus Probleme und Anregungen schrittweise entwickeln zu können. Die Schreibdidaktik – ihre Theorie und Methodologie – ist ein Feld sein, an dem sich orientiert werden kann, wenngleich nicht als Disposition für die Arbeit insgesamt, so doch als ein Verständnishorizont, in dem die Praxis gelesen werden kann. Schreiben und Spracherwerb sind Elemente, die nur positiv ineinander greifen können. Der Beitrag ist hierbei subtil: Eine Integration von Sprachen überhaupt, die dahin geht, jene nicht als Mittel der Darstellung von Wissen zu benutzen, sondern zu Strukturen der Genese von Wissen zu machen. Geht es daher um Möglichkeiten der Unterstützung von nicht-muttersprachlichen Schreibern, muss davon abgesehen werden, auf Grundlage eines Adaptionsmodells von Sprachen zu argumentieren, in dem angenommen wird, das Ideal eines Fremdsprachenerwerbs sei lediglich eine Art zweite Muttersprachlichkeit. Die Frage, ob Schreiben dem Fremdsprachenerwerb dienlich sein kann, wird ohne Verluste in die Arbeitshypothese umgekehrt werden, wie ein fremdsprachliches Schreiben den Schreibprozess insgesamt und somit auch mittelbar Sprachkompetenz fördern kann. Dieser Gedanke weist auf das Wesen der Schreibberatung als Praxis zurück. Für diese soll verdeutlicht werden, dass sie sich nicht in der Weise verstehen sollte, dass sie typisierte Probleme des Schreibens behandelt. Schreiben ist weder abstrakt noch typisch – deswegen stellt die Schreibberatung Ansätze und Methoden vor, die immer praktisch und konkret verstanden werden müssen. Die Schreibberatung muss sich als experimentelle Praxis ernst nehmen, deren Legetimation darin besteht, dass sie sich nicht abstrakt äußeren Notwendigkeiten nach ordnet, sondern konkret innerhalb ihres Paradigmas – dem Schreiben – arbeitet, also autonom ist.
Im Kern vertrete ich mit dieser Dissertation die These, dass es von grosser Bedeutung für verschiedene wissenschaftliche Disziplinen sein könnte, die in der Quantenphysik gewonnenen Erkenntnisse gründlich zur Kenntnis zu nehmen und dass, darüber hinaus, einige Prinzipien der Quantentheorie einigermassen direkt und erkenntnisbringend auf andere Gegenstandsbereiche übertragen werden können. Die Ergebnisse meiner Arbeit legen meines Erachtens nahe, dass im Falle einer solchen Rezeption der Quantenphysik nicht nur mit Wissenszuwachs und erweitertem Verständnis zu rechnen ist, sondern auch mit Veränderungen der Wissenschaftskultur, sowie der Kultur im Allgemeinen. Neben einer kurzen Behandlung des Observablen- und des Wahrscheinlichkeitsbegriffs fokussieren sich meine Untersuchungen vorrangig auf die Konzepte Komplementarität und Verschränkung. Hierbei ergeben sich u. a. die folgenden spezifischen Thesen: Im Bezug auf Observablen: - Der Observablenbegriff, der besagt, dass jedwede Aussage über den Zustand eines Quants nicht unabhängig von einer den Zustand probabilistisch verändernden Interaktion mit diesem Quant getroffen werden kann, gilt strengenommen auch für makroskopische Elements des Universums Im Bezug auf Wahrscheinlichkeit: - Die in der Quantenphysik vorgefundene und damit für die gesamte physikalische Realität in gewissem Mass gültige probabilistische Unvorhersagbarkeit von Ereignissen kann sowohl als Resultat eines absoluten Indeterminismus wie auch eines absoluten Determinismus interpretiert werden. - Die heute vorherrschende einseitige Deutung im Sinne eines absoluten Indeterminismus ist daher logisch nicht zu rechtfertigen und vermutlich eher kulturell bedingt. Im Bezug auf Komplementarität: - Das Verhältnis von subjektivem Bewusstsein und materiellem Körper als Beschreibungen eines Individuums ist strukturell isomorph zu dem Verhältnis von Welle und Teilchen als Beschreibungen eines Quants. - Ein Aspekt dieser Isomorphie ist, dass sich in beiden Fällen die jeweiligen Beschreibungen gegenseitig ausschliessen und sich weder aufeinander reduzieren noch in einer logisch kohärenten und rational fassbaren „Metabeschreibung“ verbinden lassen. - Stattdessen eignen sich für eine solche Metabeschreibung, z.B. der Konzeptualisierung einer den beiden Beschreibungen zugrunde liegenden und sie dadurch verbindenden „Realität“, nur rational nicht fassbare Beschreibungen, wie z.B. „Nichts“. - Dies impliziert eine unüberwindbare Beschränkung für jeden Versuch, mittels des Verstandes alleine, endgültige und eindeutige Erkenntnis über die Realität jenseits der Gegensätze zu gewinnen. - Dies wiederum dient als Hinweis auf die potentielle Unverzichtbarkeit von transrationalen (sog. akategorialen oder nichtdualen) Bewusstseinszuständen für einen umfassenden Bezug zur Realität und eine dementsprechend adäquate Interaktion mit ihr. - Die bewusste Auseinandersetzung mit o. g. Beschränkung des Verstandes und die Erkundung von möglichen ergänzenden Erkenntniswegen erscheint mir, vor allem in Anbetracht unserer gegenwärtig eher einseitig verstandesbetonten (Wissenschafts-) Kultur, von erheblicher Bedeutung zu sein. Im Bezug auf Verschränkung: - Die Phänomenologie bestimmter, bisher wissenschaftlich nicht abschliessend erklärbarer Gegebenheiten (wie z.B. telepathischer, präkognitiver und psychokinetischer Erfahrungen oder die berichtete Wirksamkeit verschiedener alternativmedizinischer Verfahren) deckt sich mit der Hypothese, dass es sich dabei um makroskopische Verschränkungseffekte analog zu denen in der Quantenphysik handelt. - Dies gilt insbesondere auch für die Nichtreproduzierbarkeit der genannten Phänomene unter experimentellen Bedingungen, da eine zuverlässige Reproduzierbarkeit einer Verletzung des für Verschränkungskorrelationen geltenden Signalübertragungsverbots entspräche. - Damit stellt sich u. a. die Frage, wie beweis- bzw. falsifikationsorientierte Wissenschaftskulturen mit der Tatsache verfahren sollen, dass potentiell reale und durchaus auch plausible Phänomene prinzipiell nicht experimentell reproduzierbar sein könnten. - Grundsätzlich ist es aufgrund der angestellten Überlegungen jedenfalls notwendig, die Möglichkeit der Faktizität der fraglichen Phänomene auch in Abwesenheit von wiederholbaren experimentellen Bestätigungen anzuerkennen. - Dies beinhaltet die Möglichkeit, dass Kategorien wie Bewusstsein, Bedeutung, Intention und Sinn via nicht-kausaler Korrelationen als strukturierende Kräfte in der physischen Realität wirken, zusätzlich zu den bisher bekannten kausalen Kräften. - Des Weiteren deutet es auf die Möglichkeit hin, dass das subjektive Erleben als eine unverzichtbare Instanz der Wahrheitsfindung neben der objektiven, oder zumindest intersubjektiv abstrahierten, Erkenntnis anerkannt werden muss. - Die Wahrnehmung und theoretische Aufarbeitung dieser Möglichkeiten ist, meiner Ansicht nach, von grosser Bedeutung für unsere gegenwärtige (Wissenschafts-)Kultur, insbesondere in kausalistisch ausgerichteten oder beweis- bzw. falsifikationsorientierten Forschungsgebieten. Neben der Herausarbeitung dieser und anderer Thesen soll meine Arbeit auch einen leicht zugänglichen und dennoch faktisch korrekten Überblick über die relevanten experimentellen Beobachtungen der Quantenphysik zur Verfügung stellen, um deren Rezeption in physikfernen Disziplinen zu erleichtern.
Der Zettelkasten der Gesellschaft. Medientheorie als Gesellschaftstheorie: Eine Luhmann-Relektüre
(2003)
Die Dissertation hat die – gegenwärtig noch buchstäblich ›gestückelte‹ – Medientheorie Niklas Luhmanns zum Gegenstand, seine zum Teil ausgesprochen heterogenen und bislang oft untereinander noch ganz unverbundenen Medienbegriffe bzw. medientheoretischen Teilstücke also: den funktionalen Bezug des Medienbegriffs auf die »Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation«; die Theorie der »Verbreitungs-« und die der »Erfolgsmedien«; die Medium/Form-Unterscheidung; die Behandlung von Medien als »strukturelle Kopplungen« zwischen dem Gesellschaftssystem und seiner (vor allem menschlichen) Umwelt. Ziel der Arbeit ist es zunächst, eine ganze Reihe bisher ungenutzt gebliebener kultur- und gesellschaftstheoretischer Erklärungspotentiale dieser Medientheorie(n) zu erschließen, also sichtbar und auch nutzbar zu machen. So wird im Laufe der Untersuchung dann aber vor allem deutlich, dass Luhmann mit seinen vielfältigen Anschnitten (seiner ›Verzettelung‹ gewissermaßen) des Medienbegriffs die Grundlagen für ein eigenes gesellschaftstheoretisches Programm gelegt hat: Es zeigt sich, dass sich auf ihrer Grundlage ein eigenständiger Zusammenhang von gesellschaftstheoretischen Problemstellungen und Hypothesen entwickeln lässt. Und dieses Programm erweist sich zudem insoweit auch als ein Gegenprojekt zum bisherigen gesellschaftstheoretischen Programm Luhmanns, als es unter anderem nahe legt, dass die Untersuchung der aktuellen gesellschaftlichen Differenzierungsform (»funktionale Differenzierung«), auf die Luhmann sich noch konzentriert hatte, eine – wenigstens langfristig – gesellschaftstheoretisch weitaus weniger aufschlussreiche Programmatik darstellt, als eine systematisierte Untersuchung medial bedingter evolutionärer Trends im Gesellschaftssystem etwa sie darstellen würde. Um die in den vielfältigen Medientheorien Luhmanns bislang erst in ›verzettelter‹ Form sozusagen vorliegende alternative Theorieprogrammatik allmählich lesbar werden zu lassen, konzentriert sich die Arbeit zunächst darauf, neue Zusammenhänge und noch ungesehene Beziehungen zwischen den genannten Teilstücken von Luhmanns Medientheorie heraus zu arbeiten – in genauen Lektüren aller einschlägigen Texte Luhmanns zu diesen ›Theoriestücken‹ sowie vieler verstreuter Passagen, die sie im Kontext anderer Fragen und ›Theoriestücke‹ behandeln. Um Luhmanns Medientheorie(n) als sein zweites Gesellschaftstheorie-Projekt, eine – zum Teil konkurrierende – Theorie in der Theorie gewissermaßen lesbar machen zu können, bedient die Arbeit sich außerdem eines spezifisch kulturwissenschaftlichen Verfahrens der Text-Lektüre. Ein bestimmter Ausschnitt von Luhmanns Wirken und Werk wird als Schlüssel zum Zusammenhang dieses Alternativprojekts gelesen: Man findet diesen theorieprogrammatischen Zusammenhang, so wird gezeigt, sozusagen vorweg genommen, allegorisch verdichtet und sinnbildlich verkörpert in Luhmanns ›Zettelkasteniana‹ – in seinen legendären Bemerkungen zu seinem Zettelkasten (in zahlreichen Interviews, aber auch in einer eigens diesem Thema gewidmeten Publikation) also sowie vor allem im dort dargelegten Anteil dieses »Universalinstruments« (Luhmann) an der Theorieentwicklung. Wertvoll werden die ›Zettelkasteniana‹, genauer gesagt, vor allem wenn man die darin dargelegten Verhältnisse zwischen Zettelkasten, Theorieentwicklung und dem Theorie-Autor Luhmann als allegorische Veranschaulichung der – in Luhmanns Theorie verhandelten – Verhältnisse zwischen den Medien, dem Gesellschaftssystem und dessen (vor allem menschlicher) Umwelt liest: Nimmt man zur Kenntnis, wie sich demnach sein eigener Anteil und der Anteil seines Zettelkasten an der Theorieentwicklung allmählich verschoben hat (je länger Luhmann mit dem Zettelkasten arbeitete), so werden vor allem alle Theoreme und Formulierungen Luhmanns in noch einmal ganz anderer Weise entzifferbar, die medial bedingte evolutionäre Veränderungen im Verhältnis zwischen Gesellschaftssystem und menschlicher Umwelt behandeln. Im Sinne und im Dienste der Grundhypothese – wonach in Luhmanns Medientheorien die Grundlagen gelegt sind für die Ausarbeitung einer ›anderen‹ Gesellschaftstheorie (einer Gesellschafts- als Medien-, bzw. einer Medien- als Gesellschaftstheorie) – richten sich die Suchbewegungen der Studie aber auch noch in andere Richtungen. Es geht darüber hinaus ganz allgemein darum, Kontingenzen in der Architektur wie in der Formulierung der Theorie auf eine entsprechende alternative Ausarbeitung hin zu befragen. So geht es etwa auch darum, dass Luhmanns Gesellschaftstheorie in ihrer aktuellen Anlage schon überall, in all ihren zentralen Problemstellungen, ganz unmittelbar auf den Medienbegriff als zentrale Antwort verweist. Und nicht zuletzt geht es darum, »Mediengesellschaftswissenschaft« sozusagen als eine mögliche Alternative zur heutigen »Medienkulturwissenschaft« kenntlich zu machen.
Der Lampenmacherfall
(2006)
Die Übertragbarkeit von Management-Techniken wird in den Unternehmen ausgehandelt. Neue Management-Techniken werden in der organisationalen Funktionsweise des Operierens von Entscheidungen im Unternehmen imaginiert, und finden auf diese Weise Eingang in die laufende Evolution der Strukturen des Unternehmens. Unternehmen imaginieren neue Management-Techniken, indem sie sie sich zum Modell nehmen, weil sich ihr Gebrauch in Bezug auf den Zweck oder die Aufgabe des Unternehmens in vergleichbaren Situationen bewärt haben, weil sie in Bezug auf politische Vorteile als nützlich erscheinen, weil sie das Unternehmen mit ihrer Anwendung als so modern erscheinen lassen, dass eine Zugehörigkeit zu einer besonderen Gruppe angezeigt werden kann (Mode), weil bestimmte Techniken als professionell erinnert werden und deshalb deren Anwendung für richtig erachtet wird oder weil sich das Unternehmen durch Einflussverhältnisse im Außenverhältnis, etwa durch Gesetze, durch Kunden, durch das Mutterunternehmen oder durch Kapitalgeber, gezwungen sieht, die Anwendung der Technik glaubhaft machen zu müssen. Entscheidungen zu neuen Management-Techniken, stellen die alten Entscheidungserwartungen, Strukturen der Organisation, zur Disposition, indem sie neue Erwartungen an das weitere Entscheiden stellen. In diesen Entscheidungen werden neben der Vorgabe der neuen Management-Technik aber auch nicht-entscheidbare Entscheidungsprämissen, Organisationskultur, die insbesondere auf die Geschichte der Organisation, Üblichkeiten, Standards, Werte und insbesondere auch auf die Art und Weise der Einführung der neuen Erwartungen rekurrieren, relevant. Einflussverhältnisse und Bewährungen entscheiden, inwiefern sich das Modell der neuen Management-Technik in übliche Praxis verwandelt. Einflussverhältnisse beruhen auf Unsicherheitsabsorption, der Aussicht auf positive Sanktionen und der als Drohung empfundene Möglichkeit negative Sanktionen zu erleiden. Unsicherheitsabsorption etabliert Einfluss dann, wenn die durch eine Entscheidung angebotenen Sinninhalte nicht weiter hinterfragt werden und so eine Entscheidung als Prämisse in weitere Entscheidungen eingeht. Unsicherheitsabsorption entsteht also durch Überzeugen, dass die realen Verhältnisse durch die angebotenen Sinninhalte repräsentiert werden, aber auch wenn Entscheidungen aus anderen Gründen nicht hinterfragt werden. Das Etablieren von Einfluss aufgrund entsprechender Antizipation positiver oder negativer Sanktionen, hängt von den vorliegenden Präferenzstrukturen ab. Einfluss und Gegeneinflüsse, die beispielsweise auf der Fähigkeit, Unmöglichkeiten etwa im Rekurrieren auf Expertenwissen glaubhaft zu machen, oder in der Androhung von Kooperationsverweigerung beruhen, etablieren Einflussverhältnisse, in denen die Umsetzung der neuen Management-Technik ausgehandelt wird und diese Veränderungen erfährt. Wir sprechen von einer politik-kulturellen Aushandlung in der Politik, also die Möglichkeit bindende Entscheidungen zu etablieren, und Kultur, der Komplex der nicht entscheidbaren Entscheidungsprämissen oder Gedächtnis des Unternehmens, gemeinsam betrachtet werden. Organisationskultur sorgt hierbei für ein Wiedereinführen vergangener Strukturen in die derzeitige Entscheidungsoperation als deren Erinnerung, wenn diese in der vorliegenden Situation als subsumierbar angesehen werden, bzw. als Vergessen anderer Strukturen, die einem Subsummieren entgegenstünden. Organisationskultur sorgt hierdurch für eine Selbststeuerung der Organisation: Entscheidungen laufen immer in die von der politiko-kulturellen Aushandlung getriebenen Evolution und lösen Veränderungen aus; eine zielgerecht planbare Steuerbarkeit ist hierdurch für die Gesamtorganisation ausgeschlossen. Dies muss nicht heißen, dass Teilstrukturen nicht technisiert werden können, dass also die von der Management-Technik vorgeschlagene feste Kopplung tatsächlich etabliert werden kann. Eine solche Technisierbarkeit beruht auf der Individualisierbarkeit des Entscheidungsprozessierens, indem Entscheidungen den einzelnen Entscheidern, Individuen, zugeordnet werden können und diese für das Folgen bzw. nicht Folgen der Vorgaben verantwortlich gemacht werden können. Aber auch diese Technisierung erweist sich als kulturabhängig, weil das Etablieren von Einfluss kulturabhängig ist. Eine solche technische Steuerbarkeit, in der Outputs planbar auf entsprechende Inputs folgen, bedarf der Kontrolle der umliegenden Strukturen, um sich tatsächlich zielführend zu erweisen, es bedarf also wieder das Eingreifen der Gesamtorganisation auf sich selbst. Mit dem Erkennen der Selbststeuerung relativiert sich das Bild des Managers als Entscheider, der durchgreifend Veränderungen einsetzt, und zeigt den Manager im Gegensatz dazu eher als Auslöser von Veränderungsprozessen, weshalb wir das Management als Personifizierung des Entscheidens der Organisation angesehen haben und die Individualisierung des Managements in der Zuschreibung von Entscheidungen als Mittel der Organisation entdeckt haben, die Paradoxie des Entscheidens von Unentscheidbaren zu entfalten und somit Anhaltspunkte zu erlangen, weiter entscheiden zu können oder gar zu müssen. Diese politiko-kulturelle Aushandlung konnten wir beim Lampenmacher beobachten und die beobachtete Lampenmacherkultur und -politik in den folgenden sieben Merkmalen beschreiben: i) Obchodzenie: eine bestimmte Art und Weise des Umgehens der Führung, das am besten gelingt, wenn dem Vorgesetzten selbst der Fehler des Scheiterns zugeschrieben werden kann und der Versuch, Kontrollen zu umgehen, ii) Respekterwartungen und die Person in der Gruppe: Selbstbestimmung, Umgang mit Kritik und Respekterwartungen in Abhängigkeit von bestimmten Rangbeziehungen, die darauf ausgelegt sind das Bild und die moralischen Ansprüche einer Person in der Gruppe aufrecht zu erhalten, iii) Anwesenheit: diese Personenkonstruktion gilt nur unter Anwesenden, iv) Schriftlichkeit und Mündlichkeit: Schriftliches gilt als festgelegt und nicht verhandelbar, v) Kombinowanie: Abneigung gegen Formalisierung und Planung, weil sich die Dinge ohnehin noch ändern werden und Geschicktheit im Moment die Verhältnisse so zusammenzuführen, dass das Ziel erreicht werden kann, vi) Hierarchie: starke hierarchische Gefolgschaft, die, wenn Kontrollierbarkeit nicht gewährleistet ist, unter Wahrung der Person an der Oberfläche verbleibt, und Obchodzenie im Seitenblick des Wissenschaftlers beobachtbar macht, vii) Verantwortung und Verantwortlichkeit: starker Machtgebrauch vom Mutterunternehmen mit harten, druckvollen und willkürlichen negativen Sanktionen und Vermeidung von Verantwortlichkeit, die einhergehend mit der starken Hierarchisierung zu einer für den Lampenmacher typischen Technisierung nach der Regel „Sag mir was ich tun soll und trag die Verantwortung dafür“ führte. In der politiko-kulturellen Aushandlung zeigte sich insbesondere die Rolle des aus dem Westen Europas stammenden Mutterunternehmens als wichtig. Unterliegt die Situation der Organisation, Erwartungen der Delegation von Freiheitsrechten bei Eintritt in die Organisation sowie Erwartungen der Planung und der Prüfung von Entscheidungen auf Profitabilität, so scheinen die Respekterwartungen und Erwartungen bezüglich Kombinowanie von den Vertretern des Mutterunternehmens nicht erfüllt worden zu sein. In der Folge wurde mit Obchodzenie reagiert, die der ausländischen Führung wieder besondere Härte und Druck „abverlangte.“ So schloss sich die Gegenseitigkeit sich erfüllender Erwartungen, die zu der beschriebenen Lampenmacherkultur und -politik führte: einerseits der Versuch durch Obchodzenie aus der gefährlichen Verantwortung zu entkommen, sich jede Entscheidung absegnen zu lassen und der Führung nicht zu widersprechen, aber doch seine Selbstbestimmung nicht aufzugeben und auf der anderen Seite: die Erwartung, dass die polnischen Mitarbeiter nichts alleine entscheiden können, dass man ihnen alles sagen müsse, dass nur mit harter Hand und Kontrolle geführt werden könne, weil sonst nicht gemacht werden würde, was aufgetragen wurde. In dieser Auseinandersetzung kam es zu diesen Erwartungen entsprechenden Zuschreibungen, etwa über die Polen, Freddie: „they don’t have brain, you never change them“ oder über die aus dem Westen auf der anderen Seite: Piotr: „Wir haben hier auch Kultur, Freddie würde sich wundern.“ Diese orientalistisch identitätsbildende Gruppenabgrenzung entsteht in der politiko-kulturellen Aushandlung im Rückgriff auf „Offensichtlichkeiten,“ dass eben der Westen besser war und der kommunistische Osten schlechter. Während auch andere Gruppenabgrenzung, etwa zwischen den einzelnen Abteilungen, zu beobachten sind, die aber nach einem Streit wieder beigelegt werden, emotionalisieren und verschärfen diese orientalistischen Identitätszuschreibungen die politiko-kulturelle Aushandlung weiter. Dabei überraschen uns diese Zuschreibungen angesichts der bekannten Respekterwartungen und Selbstbestimmungswillen nicht besonders: Gentlemen „haben Kultur“ und brauchen sich nichts sagen zu lassen. Die Übertragbarkeit westlicher Management-Techniken auf den Lampenmacher ist dadurch insbesondere in Frage gestellt, wenn sie ausdrücklich als westliche eingeführt werden. Um polnisches Management unterscheiden zu können, definierten wir westliches Management als in den Vereinigten Staaten des 19. Jahrhunderts in einer Kultur der individuellen moralischen Ungebundenheit und auf Experimenten beruhenden Pragmatismus entstandenes Management, in dem westliche Management-Techniken wie beispielsweise das Scientific Management aber auch später das Management by Objectives entstanden sind. Übertragungen nach Europa und in alle Welt setzten insbesondere zum Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Bekanntwerden der überlegenen Produktivität des amerikanischen Managements ein. Gefördert durch die Bildung von Wirtschaftsakademien bzw. Betriebswirtschaftswissenschaftlicher Fakultäten und Institute, Auslandreisen, Expansion amerikanischer Unternehmensberatungen, die Marshallplanförderung und Militärische Zusammenarbeit verstärkte sich die Übertragung amerikanischer Management-Rezepte insbesondere durch die deutliche Demonstration der Überlegenheit während der Weltkriege, die, wenn sie auch beispielsweise durch den Erfolg japanischer Automobilproduzenten etwas von ihrer Dringlichkeit eingebüßt haben, bis heute anhält. Der Beginn der Industrialisierung in Polen fiel in die Teilungszeit im 19. Jahrhundert, die ersten Übertragungen westlicher Management-Techniken dürften stark durch den Einfluss der jeweiligen Besatzer und durch fremdes Kapital erfolgt sein. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann man in inoffiziellen Managementkursen amerikanische Management-Techniken zu rezipieren. Bis heute bleibt eine starke Behandlung und Bekanntheit dieser Praktiken im universitären Bereich beobachtbar. Einzug in die organisationale Praxis fanden westliche Management-Techniken insbesondere mit der nach dem zweiten Weltkrieg verstärkten Industrialisierung sozialistischer Prägung, durch die Übernahme Leninistischer Praktiken, die insbesondere durch das Scientific Management inspiriert wurden. Die Übernahme westlichen Managements verstärkte sich nach 1989 und so kam es dann ja auch zur Übertragung auf den Lampenmacher. Sehen wir einmal von den durch Orientalismus entstehenden Problemen der Übertragung westlicher Management-Techniken beim Lampenmacher ab, so konstatieren wir in der Unterscheidung des Lampenmachermanagements insbesondere zwei Veränderungen. Zum einen beobachteten wir bei der Delegation von Freiheitsrechten auf Institutionen, wie einer Management-Technik, beim Lampenmacher höhere moralische Ansprüche, die wir in der Bedeutung der Person, der Respekterwartungen und der Selbstbestimmung erkannten. Zum anderen ist der Lampenmacher Pragmatismus im Gegensatz zum amerikanischen Pragmatismus von Planungsaversion und Kombinowanie geprägt. Während im amerikanischen Management Veränderungsbestrebungen aufgrund experimenteller Evidenzen auf Einsicht und Zustimmung treffen, spielt beim Lampenmacher die Wahrung der Person, die es nicht öffentlich zu kritisieren gilt, eine entscheidende Rolle. Neben derartigen Veränderungen erscheint uns die Übertragbarkeit beim Lampenmacher stark in Frage gestellt, weil Veränderungen in starkem Maße von deren Kontrollierbarkeit abhängig sind. Was uns vor die Frage führt, inwiefern wir in Bezug auf den Lampenmacher von westlichen Management-Techniken sprechen können. In unserem Blick über den Lampenmacher hinaus, in dem wir aus 28 Interviews verschiedene Managements in Polen vorstellten, bestätigten sich unsere Beobachtungen in Bezug auf Respekterwartungen und Kombinowanie. Es stellte sich allerdings heraus, dass trotzdem Fälle beobachtet werden können, in denen sich Mitarbeit als normal und Obchodzenie oder Orientalismus als unüblich erwiesen. Wir führen dies auf das Vorliegen von adäquaten Respekt- und Kombinowanie-Erwartungen zurück. In diesen Fällen konnte auch die Übertragbarkeit westlicher Management-Techniken, wie etwa das Management by Objectives mit entsprechender Verantwortungsübernahme beobachtet werden, auch wenn die Veränderung etwa in einem respektvoll moralischen Umgang oder der Vorliebe eines Kombinowanie-Pragmatismus zu beobachten war. Die Frage, ob wir diese Besonderheiten als polnisches Management bezeichnen können, wollten wir erst nach einer geschichtlichen Betrachtung entscheiden. Dabei erstaunte uns zunächst ein Vergleich des 1994 gegründeten Lampenmachers mit sozialistischem Management, bei dem wir sowohl in Hinsicht auf die politische Rationalität als auch auf die wirtschaftliche Rationalität viele Ähnlichkeiten beobachten konnten und von einigen Mitarbeitern, die Meinung vertreten wurde, dass es früher, vor der Wende, besser gewesen sei. Aus den Interviews ergab sich ein ambivalenteres Bild, wobei insbesondere den staatlichen Betrieben aber auch den älteren Mitarbeitern sozialistische Verhaltensweisen und Praktiken zugeschrieben wurden. Die Suche in der Vergangenheit zeigt in Polen eine lange Tradition von Respekterwartungen und Kombinowanie. Die Moderne des 19. Jahrhunderts, die in der Industrialisierung das vereinzelte Individuum in der Fabrik in einer Objektivierung des Subjekts positionierte, fiel in Polen in die Zeit der Teilung. In Auflehnung gegen die Besatzer kam es zur Bildung der polnischen Nation in einer romantischen Glorifizierung des vormals polnischen Adels, der Szlachta, als katholisch, ritterlich, brüderlich und respektvoll in Rangbeziehungen. Im Wettlauf der Moderne zeigte sich die Kombinowanie als einzige Möglichkeit den Besatzern zu trotzen und in den unwägbaren und willkürlichen Umgebungen erfolgreich zu sein und auch zu den Praktiken und Überzeugungen einer katholischen Religionsausübung besser zu passen als etwa ein theoretisierendes Vorausplanen, auch wenn Kombinowanie als in einer Slawischen Seele (S³owiañska Dusza) begründet, glorifiziert wird. In der Zwischenkriegszeit erkennen wir die Relevanz von Respekterwartungen und Drang nach Selbstbestimmung in der Problematik eigene autoritäre Institutionen wie etwa Polizei einzuführen und Kombinowanie als Erfolgsrezept im Umgang mit den chaotischen Verhältnissen dieser Zeit. So wollen wir davon ausgehen, dass auch die nach dem Krieg eingeführte Ideologie und Praktiken des Marxismus-Leninismus eine polnische Veränderung erfahren haben. Wobei wir beobachten, dass sich auch hier Respekterwartungen und Kombinowanie weiterhin bewährend tradierten. Wir vermuteten jedoch, dass insbesondere die materialistische Obchodzenie und die oberflächliche Personenkonstruktion mit der Marxschen Idee des dialektischen Materialismus in Einklang standen und diese förderte. In diesen Veränderungen erkannten wir die Selbststeuerungsmechanismen der Gesellschaft, in der verschiedene soziale Systeme mit einander Co-Evolutionen vollführen und beispielsweise Politik nicht zielgenau steuernd in die Wirtschaft eingreifen kann oder Organisationen eigene Kulturen ausbilden. Praktiken, Ideologien und Theorien werden im Weltgesellschaftlichen Diskurs imaginiert und insbesondere in Abhängigkeit von der Möglichkeit, Einflussverhältnisse zu etablieren, und Kultur, die als soziales Gedächtnis das Erinnern und Vergessen von vergangenen Strukturen steuert, verändert. So können lokale Erinnerungen in Polen aber auch beim Lampenmacher, aus der Lampenmacher-Geschichte oder aus der polnischen Geschichte wirksam werden und uns auf der Grundlage unserer Beobachtungen von polnischem Management sprechen lassen. Auch die abweichenden Beispiele können wir über das Etablieren entsprechender Einflussverhältnisse und das Einspielen von Bewährungen genauso erklären, wie das Auftreten von Äußerungen, dass es vor der Wende von 1989 besser gewesen sei. Hier zeigen sich Enttäuschungen, die mit den neuen selegierten Strukturen in Verbindung gebracht werden, und diese im Laufe der Restabilisierung wieder variieren. In der Bezeichnung älterer Manager, denen sozialistische Verhaltensweisen zugeschrieben werden, als nicht reformierbar erkannten wir ein Rekurrieren auf Transformationstheorien, wie beispielsweise der Habitustheorie, die auf die Persistenz mentaler Strukturen rekurriert. Wir erkannten hierin die Wiedereinführung der Rede von Transformation und Transformationstheorie in die Evolution in Form von vorher/nacher-Unterscheidungen, die in der laufenden politiko-kulturelle Aushandlung in Anschlag gebracht wird. Der derzeitige Stand weltgesellschaftlicher Ausdifferenzierung lässt es zu lokale Kulturen zu unterscheiden. Ob weitere Ausdifferenzierung zu Isomorphismen führt, wie von Vertretern des Neo-Insitutionalismus erwartet, erscheint uns aufgrund unserer Beobachtungen fraglich. Wir schlagen vor, hier zunächst von Isophänomenologismus zu sprechen, weil die Übertragung zwar mit den selben dekontextualisierten Begriffen, wie Management by Objectives, Sozialismus oder Kapitalismus, arbeitet, sich die Strukturen aber nicht unbedingt angleichen und man aufgrund der lokalen Veränderung Überraschungen erleben wird. Ob die Isophänomenologisierung die Isomorphisierung der Weltgesellschaft vorantreibt, dürfte von der Dringlichkeit, mit der diesen Überraschungen begegnet wird, abhängen.
Als zentrale These der Dissertation soll gelten, dass die Informationsvermittlung durch das Leitmedium Fernsehen eine entscheidende Rolle bei der Zustimmung bzw. Ablehnung der Transformationsprozesse und insbesondere der Anpassung an die europäischen Regeln durch die bulgarische Bevölkerung spielt. Die Arbeit verfolgt zwei grundlegende Zielsetzungen: - Die Beschreibung der entscheidenden Etappen der bereits weit fortgeschrittene, doch immer noch nicht endgültig abgeschlossene Fernsehtransformation in Bulgarien nach der Wende, wobei der Schwerpunkt auf der Analyse der Politikvermittlung bei den drei meistgesehenen Sendern (es handelt sich um das Kanal 1 des öffentlich-rechtlichen BNT und die Privaten bTV und Nova TV) liegt. - Im Mittelpunkt des Interesses steht dabei die Berichterstattung über die EU/die europäische Integration bei Kanal 1 und bTV: Wird die EU glorifiziert, realistisch vermittelt oder abgelehnt? Welchen Beitrag leistet das Fernsehen zur öffentlichen Meinungsbildung bei der europäischen Integration des Landes? Um diese Schwerpunkte in Detailanalysen belegen zu könen, sollten zunächst einige allgemeinere Problemfelder kritisch betrachtet analysiert werden: die Rolle der Medien bei der Demokratie (Kapitel 1); die Grundzüge der Fernsehtransformation in Bulgarien (Kapitel 2) und die Besonderheiten der EU-Berichterstattung (Kapitel 4). Im Kapitel 3 wurde die Entwicklung des Programmangebotes in der Primetime von den drei führenden Sendern für jeweils zwei Wochen in vier ausgewählten Jahren im Zeitraum zwischen 1990 und 2003 einer Strukturanalyse unterzogen. Im 5. Kapitel wurde eine Inhaltsanalyse auf semantischer Ebene zur (EU-) Berichterstattung in den Hauptnachrichten von Kanal 1 und bTV vorgenommen. Es wurden die Beiträge für vier voneinander getrennten Wochen in der Periode zwischen 2003 und 2004 codiert. Außerdem sind eine spezielle Europa-Sendung von Kanal 1 und die erste Werbekampagne zur Popularisierung der EU-Integration vom Herbst 2003 Einzelanalysen unterzogen worden. Fünfzehn Jahre nach der Wende lässt sich die Politikvermittlung im Fernsehen als erschwert bezeichnen, nicht zuletzt infolge der Evolution des Fernsehprogramms. Die Ergebnisse der Strukturanalyse für das Jahr 2003 zeigen bei allen drei Sendern einen deutlichen Vorsprung der Unterhaltungsangebote zu Lasten von Informationssendungen. An der Spitze lag die Sparte „Fiction“. Auf Platz 2 folgte bei beiden Privatsendern die „Nonfiktionale Unterhaltung“. Nicht zufällig hat der öffentlich-rechtliche Sender seit 2001 beinahe die ganze relativ neue quotenstarke Sparte vom Rivalen bTV übernommen. Allerdings bewahrt Kanal 1 seine führende Rolle im Bereich der Informations- und Politikvermittlung, obwohl innerhalb von 14 Jahren der Anteil von dessen Informationssparte 46 auf 36 Prozent gesunken ist. 2003 sendete Kanal 1 doppelt soviel Information wie Nova TV und 1/3 mehr als bTV. Das Modell der Abbildung des einheimischen politischen Geschehens in der Primetime bei den stark an der Gewinnmaximierung orientierten Sendern bTV und Nova TV, die sich fast ausschließlich auf die Nachrichten konzentrieren, überrascht nicht. Doch der festgestellte quantitative Vorsprung von Kanal 1 geht nicht in einen qualitativen über: in dessen politischen Sendungen herrscht üblicherweise eine regierungsfreundliche Berichterstattung vor. Dazu belegten die Ergebnisse der Inhaltsanalyse auch für Bulgarien die weltweit bestehende Tendenz der Konzentration der Beiträge auf nationale Belange. Innerhalb der (nationalen) Berichterstattung in den Hauptnachrichten von Kanal 1 und bTV wird überwiegend über Politik berichtet. Dazu wird das politische Geschehen in Bulgarien unvollständig, zu Gunsten der Exekutive und deren Repräsentanten, abgebildet: die Folge dieser Fokussierung des Nachrichtenflusses ist eine ziemlich verzerrte mediale Konstruktion der Realität. Gleichzeitig - im Zusammenhang mit den dargestellten Kommunikationsproblemen der EU und den Besonderheiten der Informationsmodelle von Kanal 1 und bTV, erstaunt es nicht, dass auf die EU-Beiträge ein sehr geringerer Anteil der gesamten Berichterstattung in den Hauptnachrichten entfällt: 8,3 Prozent der Sendedauer bei Kanal 1 und nur 4,3 Prozent bei bTV . In einer Periode, in der die historische Erweiterung der EU in vollem Gange ist und die EU sich grundlegend umgestaltet, wird den bulgarischen Zuschauern die europäische Integration überwiegend als politische Beziehung zwischen Bulgarien und der Union dargestellt, als ein primär bürokratisches Procedere, das sich fast ausnahmslos zwischen Sofia und Brüssel vollzieht, wobei im Vordergrund die Leistungen der einheimischen Staatsmänner präsentiert werden. Auf Platz 2 landen die EU-Gipfel. Subthemen wie etwa die „europäische Sozialpolitik“, die „Jugendpolitik in Europa“, die „EU-Ökonomik“ und die „EU-Bürgerschaft“ sind in den Nachrichten nicht vertreten. Die EU-Erweiterung und die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Aspekte der Integration werden ausgeblendet. Abschließend bleibt festzustellen, dass das Fernsehen in Bulgarien einen unguenstigen Beitrag zur Europäisierung der bulgarischen Gesellschaft leistet. Kanal 1 und insbesondere bTV tragen nicht dazu bei, umfassend und vollständig über die Vor- und Nachteile der EU-Mitgliedschaft zu informieren und damit realistische Vorstellungen und Orientierungswissen für die Bevölkerung zu bieten. Die bulgarische Fernsehöffentlichkeit ist nach wie vor primär an der nationalen Thematik interessiert und informiert; von einem Beitrag des Beitrittslandes Bulgarien zur Gestaltung einer europäischen Medienöffentlichkeit kann kaum gesprochen werden. Fazit: Die Schwächen bei der Politikvermittlung und der Darstellung des EU-Themas im bulgarischen Fernsehen könnten eine künftige Politikverdrossenheit und eine passive öffentliche Meinung auslösen, zu einem Zeitpunkt, an dem die demokratische Konsolidierung Bulgariens weit fortgeschritten ist und das Land ihre Chancen ausnutzen soll vom Mitgliedschaft in der EU zu profitieren.
Wir haben in dieser Arbeit versucht, ein theoretisches Modell bezüglich der Bilderrezeption in den brasilianischen Fernsehnachrichten zu entwickeln. Wir müssen jetzt Nachrichtenbilder genauer definieren. Laut Weidenmann, sind informative Bilder sind die„…die erstellt werden, um Aussagen zu bestimmten Inhalten zu machen. Diese Bilder kommen vor allem in instruktionalen Situationen zum Einsatz, die arrangiert werden, um Wissen und Können zu erwerben.“ Die Bilder des Fernsehnachrichten gehören dazu. Oder mindestens sollten dazu gehören.