Forum Kritische Psychologie – Neue Folge
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Der Artikel schlägt eine Heuristik vor, die es ermöglichen soll, eine bestehende kritisch-psychologische Konzeptualisierung kreativer Denkprozesse planvoll und methodisch abgesichert auf Probleme des Alltagshandelns anzuwenden. Die Grundlage dafür bilden Überlegungen aus der allgemeinen Psychologie des schlussfolgernden Denkens und der Philosophie des Geistes. Das dargestellte Analyseverfahren wird anschließend an einem authentischen Fallbeispiel aus der psychotherapeutischen Praxis ausführlich durchgespielt. Es wird daran zugleich deutlich, wie nicht nur logisches und kreatives, sondern auch deutendes und begreifendes Denken ineinandergreifen (könnten).
Grundlegend für die subjektwissenschaftliche Perspektive der Kritischen Psychologie sind zum einen historisch-empirisch gewonnene Gegenstandsbestimmungen: ihre Rekonstruktion der Psychophylogenese, der Begriff menschlicher Natur als gesellschaftlicher Natur, ihr materialistisches Verständnis menschlicher Subjekte als sozial situierter leiblicher Akteure und der Intentionalität menschlichen Handelns; zum anderen ihre von einem verallgemeinerten Subjektstandpunkt als Erkenntnisstandpunkt ausgehende aktual-empirische Forschungsmethodologie. Diese kategorial methodologischen Prinzipien erweisen sich für kulturpsychologische Programme, die individuelles Handeln und psychische Phänomene in ihrem Konstitutionsverhältnis zu sozial-kulturell tradierten Artefakten, Diskursen und Lebensformen analysieren und Menschen als begründet handelnde Subjekte in die Forschung gleichberechtigt einbeziehen, als grundsätzlich anschlussfähig. Der Ertrag einer marxistisch fundierten subjektwissenschaftlichen Perspektive für die Kulturpsychologie liegt in ihrer Fokussierung auf die Determiniertheit der kulturellen Prozesse und Formen durch die Produktionsweise einer gesellschaftlichen Formation und in den damit einhergehenden differenzierten klassentheoretischen Erklärungen für die strukturellen intersektionalen Ungleichheits-, Unterdrückungs- und Diskriminierungsverhältnisse in der Vielfalt sozial-kultureller Konstellationen. Solcherart historisch-materialistisch untersetzt, vermögen kulturpsychologische Studien, indem sie einen Zugang zur Perspektive der Akteure auf die Vielfalt und den Wandel soziokultureller Kodierungen von Lebenswelten und Subjektivitäten bieten, sich ihrerseits als produktiv für das subjektwissenschaftlich-psychologische Anliegen zu erweisen, in Forschung und Praxis die widersprüchliche Bedeutung der Produktions- und Lebensweise für die gesellschaftlichen Individuen so aufzuschließen, dass diese äußere und innere Handlungsrestriktionen begreifen und sich in emanzipatorischer Perspektive Möglichkeitsräume für ihr Handeln erschließen können.
In diesem Artikel wollen wir die in der Psychologie vorherrschende Vorstellung vom einzelnen Menschen kritisch beleuchten, die in psychologischen Strategien der Veränderung des Verhaltens gegenüber der Umwelt zum Tragen kommt. Theorien und Konzepte wie z. B. das egoistische Gen oder die Tragik der Allmende haben diese Forschungsarbeit vielfach untermauert. Die diesen speziellen Theorien zugrunde liegende Annahme besagt, dass Menschen unabhängige Monaden sind, abgeschnitten von sozialen Beziehungen und im Handeln ihren egoistischen Motiven folgend. Wir diskutieren ebenfalls einige der einflussreichsten Beiträge zur Critical Psychology und Umwelt-Soziologie, die diese individualistischen Ansätze kritisieren, in der Überzeugung, dass damit der einzelne Mensch als Summe der sozialen Beziehungen nur unzureichend abgebildet wird. Der deutsche Zweig der Critical Psychology, die Kritische Psychologie, zeichnet ein alternatives Bild vom Menschen, seinen Handlungen und Möglichkeiten. Wir regen an, von diesem Ansatz ausgehend Theorie und Praxis zu überdenken, um transformierende umweltfreundliche Praxen zu entwickeln.
Der Beitrag lotet – am Beispiel der Wohnungsfrage – die Chancen eines erweiterten und vertieften Dialogs zwischen phänomenologischer und kritisch-psychologischer Subjektwissenschaft aus. Den Ausgangspunkt bildet dabei die Charakterisierung des selbstbestimmten und mitgestalteten Wohnens als menschliches Grundbedürfnis, welches seine besonderen Qualitäten in dem Maße entwickelt, wie es zu einer architektonischen Zweck-Mittel-Umkehrung kommt. Diese universellen Bestimmungen werden dann konkretisiert und spezifiziert in Bezug auf die verschiedenen Wohnpraxen unter den gegenwärtigen Wohnverhältnissen in der BRD. Dazu wird das Konzept der Wohnklassen vorgestellt. Den Schluss bildet das Plädoyer für eine erfahrungsfundierte reflexiv-kasuistische Wohnforschung.
Auf gesellschaftspolitischer Ebene sind sogenannte urbane »Problemviertel« erklärtermaßen ein Problem, während gleichzeitig die Bewohner*innen Probleme haben, die mit ihrem Leben in einem urbanen »Problemviertel« in Zusammenhang stehen. Hegemoniale Diskurse über diese Viertel und ihre Bewohner*innen sind durch defizitorientierte, problematisierende, rassistische und stigmatisierende Positionen gekennzeichnet. Auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen wurden/ werden Ansätze und Maßnahmen entwickelt, um das Problem der »Problemviertel« anzugehen. Die einflussreichste und am weitesten verbreitete sozialpolitische und städtebauliche Maßnahme zur Lösung dieses Problems besteht darin, die »soziale Durchmischung« durch den Zuzug nicht rassifizierter, nicht migrantifizierter Mittelschichtsangehöriger zu fördern, indem die Viertel für diese neue Bewohner*innenzielgruppe attraktiv gemacht werden. Junge Menschen, die in diesen Vierteln aufwachsen, müssen sich in ihrer alltäglichen Lebensführung einerseits direkt oder indirekt zu diesen abwertenden, auf sozialen Ungleichheitskonstruktionen basierenden Anrufungen verhalten, während andererseits die politischen, städtebaulichen und stadtplanerischen Entscheidungen und Initiativen und ihre eigene oder die Migrationserfahrung ihrer Familie einen wichtigen Bezugsrahmen für ihre Handlungen, Gefühle und Pläne bilden. Der Versuch, den Umgang der Bewohner*innen mit Problemen in ihren Stadtvierteln zu verstehen, sollte dementsprechend zwei Perspektiven umfassen:
Im ersten Teil wird die Perspektive der »Gesellschaft« auf diese Stadtteile und ihre Bewohner*innen nachgezeichnet – einschließlich der historischen Entwicklung dieser »Problemviertel«. Im zweiten Teil wird die Perspektive der jungen Bewohner*innen auf den Umgang mit Problemen in ihrer Nachbarschaft anhand von Interpretationen von Ausschnitten aus ethnografischen Feldnotizen und biografischen Interviews skizziert. Im letzten Abschnitt wird schließlich die Bedeutung von Problemen für die Gemeinschaft und die Frage nach einer möglichen Verwirklichung des Rechts auf Stadt im Sinne von Lefebvre durch diese Art der Raumaneignung diskutiert.
Henri Tajfels Theorie der sozialen Identität (Social Identity Theory, SIT) entstand aus der Kritik am sozialpsychologischen Mainstream, die im Gefolge der »Krise der Sozialpsychologie« der 1960er und 1970er Jahre aufkam. Im Gegensatz zu den damals vorherrschenden Annahmen, dass die Ursachen »sozialen Handelns« intra- oder interpersoneller Art seien, betonte Henri Tajfel die Bedeutung einer eigenständigen Theorie des Sozialen zur Erklärung individuellen Handelns. Anderen Ansätzen warf er einen individualistischen Reduktionismus vor. Seine Theorie versteht die handlungsleitende »soziale Identität« aus der Dynamik zwischen Eigen- und Fremdgruppe. Für die Vertreter der SIT ist sie ein kritischer Ansatz, der es ermöglichen soll, psychologische Dynamiken im Kontext sozialer Veränderungen zu erfassen. Aus der Perspektive der Kritischen Psychologie formuliert der vorliegende Text zentrale Kritikpunkte an der SIT: Die Dichotomisierung zwischen dem Sozialen und dem Individuum, die eine Spaltung zwischen Sozial- und allgemeiner Psychologie reproduziert; die modellhafte Fassung des Sozialen als Eigen- und Fremdgruppenkonstellation; und schließlich die unterschiedlichen epistemologischen Standpunkte der divergierenden Richtungen, die sich auf das Erbe Tajfels berufen.
Es soll gezeigt werden, in welcher gesellschaftlichen Konstellation das Konzept der Einstellung entstanden ist. Als ›Subjektives in seinen sozialen Bezügen‹ sollte es zwischen subjektloser Soziologie und a-sozialer Psychologie vermitteln. Unter dem Primat der Messbarkeit entwickelte sich Geschichte der Einstellungspsychologie zum Missverständnis einer Kategorie (im kritischpsychologischen Sinne) als Variable. Bei der Rekonstruktion der verschiedenen Ansätze der Operationalisierung von Einstellung steht im Vordergrund, welche Leistungen oder Zumutungen den Befragten jeweils abverlangt werden. In der sich dabei zeigenden Abstraktion von Sachurteilen, Lebenszusammenhängen und subjektiven Begründungen ist Verhaltensrelevanz reduziert, Widersprüche können nicht als besondere Form eines Zusammenhangs begriffen werden, sondern nur als zu eliminierender Inkonsistenz-Störfaktor. Dem kann das Individuum nur entkommen, wenn es sich der Befragung verweigert. In kritisch-psychologischer Perspektive ist das Einstellungskonzept zwar nicht zu reinterpretieren, aber eine einstellungsförmige Welt- und Selbstbegegnung ist als behinderndes Moment bewusster Lebenspraxis Gegenstand subjektwissenschaftlicher Psychologie.
Im Rahmen des Beitrags wird eine kritisch-psychologische Perspektive auf die Mainstream-Sozialpsychologie skizziert. Ausgangspunkt ist das »Schisma« (C.F. Graumann) zwischen psychologischer Sozialpsychologie, die vor allem unmittelbare soziale (Gruppen-) Prozesse untersucht, und einer soziologischen Sozialpsychologie, deren Forschungsgegenstände auf gesellschaftlicher Ebene angesiedelt sind. Vorgestellt werden verschiedene Ansätze zur Überwindung dieser Spaltung, wobei auf die Sozialpsychologie in der DDR gesondert eingegangen wird, die dem Anspruch nach »marxistisch-leninistisch« ausgerichtet, war aber insgesamt stark vom »westlichen« Mainstream geprägt war. Die Kritische Psychologie hat sich, wie gezeigt wird, auch in Auseinandersetzung mit der Sozialpsychologie entwickelt, etwa im Zuge einer Rezeption der Sozialpsychologie des Experiments oder der Analyse von Begründungsmustern in sozialpsychologischen Theorien. Vor diesem Hintergrund wird für den Ausbau einer materialistischen Gesellschafts-, Kultur- und Kollektivpsychologie plädiert.